Führung durch die Sonderausstellung

Denk an mich! Stammbücher und Poesiealben aus zwei Jahrhunderten

So, 11.10.2015, 15:00
Blumen, Verse, Schönschrift – persönliche Widmungen und Sprüche in Büchern und Loseblattkassetten sind lang gehütete Erinnerungen an Freundschaften und Beziehungen. Sie spiegeln eine wechselhafte Gefühls- und Tugendwelt, die viele Generationen unterschiedlich prägte.
In der Ausstellungsreihe ‚Objekte im Fokus‘ zeigt das Volkskundemuseum über vierzig zum Teil kunstvoll gestaltete Stammbücher und Poesiealben aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Zahlreiche Einzelblätter ergänzen diesen Sammlungsbereich, der Fragen zu Erinnerungskultur, Mediengeschichte und Gestaltungstechniken aufwirft.

Poesiealben und Stammbücher sind aufschlussreiche Zeugnisse eines Kulturphänomens, dessen Anfänge bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen und das im Umfeld der Wittenberger Reformatoren entstanden ist. Daraus entwickelte sich das akademisch-humanistische Stammbuch, das auf den Bildungsreisen mit im Gepäck war und Freunden sowie Bekannten zum Eintrag übergeben wurde. Seit Ende des 18. Jahrhunderts ist diese Gepflogenheit immer mehr zur Domäne der Frauen geworden. Statt gebundener Bücher wurden Albumblattkassetten verwendet, worin die beschriebenen Einzelblätter gesammelt werden konnten.

Auch politische und gesellschaftliche Veränderungen zeigten sich in den Einträgen. Schwärmerische Liebe und Beteuerung inniger Freundschaft waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zentrale Themen. Im Biedermeier erlangten die Alben eine neue Blütezeit und ihren repräsentativen Höhepunkt. Im Laufe der Zeit haben sich Inhalte, äußeres Erscheinungsbild und Benutzerkreise mehrmals geändert. Originelle Ideen stehen neben sentimentalen Klischees und Stereotypen.

Die Stammbuchtexte wurden seit dem 18. Jahrhundert mit selbst angefertigten Beigaben wie Aquarellen, Bleistiftzeichnungen, Stickereien oder Haararbeiten versehen. Im Biedermeier spielten die Sprache der Blumen und die Symbolik von Freundschaft, Vergänglichkeit und Erinnerung eine wichtige Rolle. Bei späteren Poesiealben, die vorwiegend von Mädchen verwendet wurden, dominieren Buntstiftzeichnungen und eingeklebte Glanzbilder. In den steckbriefartigen Freundebüchern der Gegenwart, die bei Buben und Mädchen gleichermaßen beliebt sind, finden sich neben standardisierten Angaben über Hobbies, Lieblingsbücher und Lieblingsmusik auch Sticker und Fotos.

Trotz zunehmender gesellschaftlicher Mobilität und der Verdichtung sozialer Medien sind Stammbücher und Poesiealben als historische Spielart des Freundschaftsbegriffes in Erinnerung geblieben und erregen auch gegenwärtig immer noch lebhaftes Interesse.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog.

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