Laufzeit: Okt. 2017 bis Mai 2018

„Kaiser Gerstel, Kapauner Würstel und Schnee Baalen“

Citizen Scientists transkribieren historische Kochrezepte

So, 01.10.2017 – Do, 31.05.2018
: Auszug aus dem barocken Kochbuch, ÖMV/86.240. Foto: Birgit & Peter Kainz, faksimile digital © Volkskundemuseum Wien
Das Volkskundemuseum besitzt in seiner Handschriftensammlung historische Rezeptbücher, deren Inhalte gelesen und in die lateinische Druck- und Schreibschrift übertragen, anschließend elektronisch erfasst und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Im Oktober 2017 startete hierzu ein mehrmonatiger Lehrgang, der Dank einer Förderung des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz möglich ist.

Der generationsübergreifende Lehrgang besteht aus 16 Teilnehmerinnen, die unter anderem in den Ernährungswissenschaften, der Gastronomie, den Geisteswissenschaften, dem Medien- und Informationsdienst als auch den Naturwissenschaften aktiv sind. Als Vereinsmitglieder und freiwillig tätige Citizen Scientists unterstützen sie das Museumsteam bei seinem Vorhaben, historische Zeitdokumente lesbar zu machen.

Zu Beginn des Lehrganges erhielten die Teilnehmerinnen eine Einführung in die Paläografie sowie das Lesen und Transkribieren spätbarocker Handschriften. In der wissenschaftlichen Erfassungsphase wird nun der handschriftliche Text eines ausgewählten Rezeptbuches aus dem 18. Jahrhundert anhand von eigens dafür erstellten Transkriptionsrichtlinien von den Teilnehmerinnen buchstabengetreu im heutigen Schriftbild wiedergegeben. Zusätzlich erfolgt die Recherche zu Rezeptsprache, Viktualien, Maßeinheiten, etc.

Kursbegleitend berichten ExpertInnen über vergleichbare Unternehmungen und kochen gemeinsam mit den Teilnehmerinnen ausgewählte Rezepte in der Schauküche des Museums nach. Die Transkriptionen und Digitalisate des Rezeptbuches aus dem 18. Jahrhundert werden Ende Juni 2018 in den Online-Sammlungen des Volkskundemuseums veröffentlicht.

Projektleitung: Claudia Peschel-Wacha
Wissenschaftliche Lehrgangsleitung: Sabine Paukner

Projektteilnehmerinnen: Simone Blassnigg, Heidemarie Brezina, Heidrun Drexler-Schmid, Karin Fleisch, Felizitas Gattermann, Uschi Gross, Gerlinde Gruber, Nina Harm, Vera Härtel, Gudrun Kanatschnig-Minichshofer, Michaela Krbusek-Waldmann, Liane Nijemcevic-Hoffmann, Susanne Ohrenstein, Karin Schob, Edith Strasser

Herzlichen Dank an das Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, das mit seiner Förderung in der Höhe von € 10.000,- diesen generationsübergreifenden Lehrgang möglich gemacht hat.



Abschlussbericht des Forschungsprojektes


Küche, Rezepte, Techniken, Gerätschaften und Rituale sind Bestandteile eines kulturellen Systems zwischen Hunger und seiner Befriedigung. Aufschlussreiche kulturhistorische Zeitdokumente sind Rezeptbücher. Sie ermöglichen Einblicke in soziale, wirtschaftliche und politische Gegebenheiten in einem bestimmten Raum zu einer gewissen Zeit.   

Im Jahr 2012 gelangte ein handgeschriebenes Rezeptbuch als Schenkung in die Handschriftensammlung des Volkskundemuseums. Die Überbringerin Hermine Kreitschek fand dieses Kochbuch im Nachlass ihrer Mutter vor. Diese hatte es als Geschenk von der Offizierswitwe Theresia Sicard von Sicardsburg aus Pitten in Niederösterreich etwa in der Zeit um 1910 erhalten.  

Die Recherchen der zwei Projektteilnehmerinnen Heidemarie Brezina und Karin Schob zur Biografie der Theresia Sicard von Sicardsburg (1860-1949, geb. Pankl) brachten interessante Ergebnisse. Ihre Mutter Theresia Pankl (1823-1903, geb. Moritz) besaß das Gasthaus zum Felsenkreuz in Pitten, das 1895 zum Verkauf inseriert wurde. Theresia Sicard von Sicardsburg heiratete 1900 Moritz Sicard von Sicardsburg (1850-1926), die Ehe blieb kinderlos. Es ist möglich, dass dieses in Kurrentschrift verfasste Rezeptbuch aus dem Umfeld der Vorfahren und GastwirtschaftsbesitzerInnen der Theresia Sicard von Sicardsburg stammt.

Regionalsprache und Rezepte deuten auf eine Entstehung im Nordosten Österreichs hin. Aufgrund einzelner Buchstabenformen, der Ausführung von Ober- und Unterlängen, Schnörkel und Schmuckelementen ist das Rezeptbuch in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zu datieren. Das Buch beinhaltet ungeordnete Rezepte für Suppen, Fleisch-, Fisch- und Krebsgerichte, Saucen, Pasteten, Eingemachtes und Mehlspeisen. Zahlreich sind die Kochanleitungen für Süßspeisen ob der vielen Fasttage im Kirchenjahr. Zudem wurde Wohlstand demonstriert und teure, delikate Zutaten wie Zucker, Mandeln, Zitronen und Zimt fanden Verwendung.   

Die rund 350 Rezepte wurden mit Unterstützung von 15 freiwillig tätigen Citizen Scientists buchstabengetreu von der Kurrentschrift in die heutige Druckschrift transkribiert (übertragen). Weiters wurden die Angaben von Ingredienzien und Maßeinheiten zum besseren Verständnis in die Gegenwart übersetzt. Die Zusammenarbeit mit den Projektteilnehmerinnen Simone Blassnigg, Heidemarie Brezina, Heidrun Drexler-Schmid, Karin Fleisch, Felizitas Gattermann, Uschi Gross, Gerlinde Gruber, Nina Harm, Vera Härtel, Gudrun Kanatschnig-Minichshofer, Michaela Krbusek-Waldmann, Liane Nijemcevic-Hoffmann, Susanne Ohrenstein, Karin Schob und Edith Strasser war äußerst bereichernd. Das Projekt fand von Oktober 2017 bis Mai 2018 am Volkskundemuseum Wien statt und umfasste 11 Treffen, in denen sich Theorie und Praxis verbanden. Zuletzt wurden ausgewählte Rezepte in der Schauküche des Volkskundemuseums nachgekocht. Es war eine besondere Freude, dass die hochbetagte Überbringerin des Rezeptbuches, Hermine Kreitschek, am finalen Kochevent teilnehmen konnte.

Den Citizen Scientists gefiel besonders (Zitate aus den Feedbackbögen):
 „das Kennenlernen alter Rezepte und das damit verbundene Kurrent-Schrift-Lesen-Lernen“,
„der rasche Fortschritt beim Einlesen der Dokumente – Erfolgserlebnisse „garantiert“,
 „die Gruppe in ihrer Unterschiedlichkeit und das Recherchieren“,
„Arbeiten in einer überschaubaren Gruppe, v. a. von Menschen mit einem gemeinsamen Interesse“,
„die Vorträge; das nette Ambiente; der Blaue Salon; die Herangehensweise ans Transkribieren“ und
 „dass es ein abgerundetes, abgeschlossenes Projekt ist – von der Transkription bis zum Essen“.

Das Projekt konnte dank einer Förderung des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz verwirklicht werden. Alle digitalisierten Seiten des historischen Rezeptbuches mit der Inventarnummer ÖMV/86.240, die Transkriptionen mit den erläuternden Fußnoten und die Metadaten sind seit Juni 2018 in den Online-Sammlungen auf der Webseite des Volkskundemuseums öffentlich zugänglich.

Sabine Paukner
Wissenschaftliche Leiterin
Volkskundemuseum Wien
Laudongasse 15–19, 1080 Wien

T: +43 1 406 89 05
F: +43 1 408 53 42
E: office@volkskundemuseum.at
W: www.volkskundemuseum.at

Öffnungszeiten
Museum: Di bis So, 10.00 bis 17.00 Uhr
Do, 10.00 bis 20.00 Uhr
Bibliothek: Di bis Fr, 9.00 bis 12.00 Uhr
Juli und August geschlossen
Café: Di bis So, 10.00 bis 17.00 Uhr
Mai bis August bei Schönwetter bis Sonnenuntergang
Mostothek: Di, ab 17.00 Uhr
August geschlossen

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