Spielzeugaltar

"Meine Kinder sind alle aus der Kirche ausgetreten." - Zur Geschichte eines Spielzeugaltars im Österreichischen Museum für Volkskunde

Di, 01.05.2012
Eine Schenkung brachte dieses Objekt im Jahr 2007 in das Österreichische Museum für Volkskunde, wo es mit der Inventarnummer ÖMV/83427 versehen wurde. Zu diesem Spielzeugaltar gehören 40 Teile Zubehör, darunter mehrere Monstranzen, Kelche, Blumenstöcke, Weihrauchkessel und Hostien aus Metall.
Mit diesem nunmehrigen Museumsobjekt wurde einst tatsächlich gespielt. Zahlreiche Wachsspritzer, Kratzer und weitere Gebrauchsspuren sind Zeugnisse vergangener eifriger Benutzung. Der Einbringer, Siegfried Mayr, geboren am 7.8.1930 in Innsbruck, wusste folgendes zu diesem Objekt zu erzählen:

Als Zwölfjähriger wurde er während einer Scharlachepidemie bei einer befreundeten Familie untergebracht. Im selben Haus wohnte die Familie des späteren Innsbrucker Bischofs Reinhold Stecher. In einer der beiden Familien gab es diesen Spielzeugalter, mit dem die Buben die Hl. Messe nachspielten. Reinhold Stecher war der Neffe der Gastfamilie von Siegfried Mayr, und zu dieser Zeit schon eingerückt, aber es gab weitere Spielgefährten im Haus. Die mit dem Spielzeugaltar beschäftigten Knaben waren alle Ministranten und kamen nach Siegfried Mayrs Angaben aus aktiv religiösen Familien.  

Herr Mayr studierte später Forstwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien und schloss seine Erzählung mit dem Hinweis ab, dass seine eigenen Kinder kein Interesse an dem Spielzeugaltar hatten und allesamt aus der Kirche ausgetreten sind.

Eine weitere Verbreitung dieser Art „christlichen Spielzeuges“ kann auf Adels- und Bürgerkreise beschränkt angenommen werden. In Adelsfamilien war es durchaus üblich, eines der Kinder für die Kirchenlaufbahn zu bestimmen. In bürgerlichen Kreisen dienten die Spielzeugaltäre zunächst einer vertiefenden religiösen Erziehung mit Übungsmöglichkeiten für Ministranten. Eine daraus resultierende Entscheidung zum Priesterdasein oder dem Eintritt in ein Kloster wurde in diesen Familien wahrscheinlich freudig aufgenommen.

Zeit und Muße, um Spielzeug eigenhändig herzustellen findet die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung heute nicht mehr. Die Zahl an Neuzugängen von Spielzeugaltären jüngeren Herstellungsdatums in die Sammlung des Österreichischen Museums für Volkskunde wird daher überschaubar sein.

In der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde, NS Band LXIV, Gesamtserie Band 113, Heft 1 / 2010, ist der ungekürzte Artikel nachzulesen.
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