"Alle antreten! Es wird geknipst!"

Private Fotografie in Österreich 1930-1950

Mi, 10.10.2018 – So, 17.02.2019
: Anonyme Fotograf*innen, Österreich, um 1940 aufgenommene Fotografie aus einem ca. 1955 angelegten Album.
Wer in Familienalben aus den zwei Dekaden zwischen 1930 und 1950 blättert, wird Biografien finden, aber kaum Geschichte. Die Fotografien erwecken den Eindruck, dass das Leben der meisten Familien in dieser Zeit ein ewiges Wochenende war.  Die Diskrepanz zwischen den Bildern und unserem historischen Wissen über diese Jahre und ihre Katastrophen ist auffällig. Wie kommt sie zustande?
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Acht Alben aus den Jahren zwischen 1932 und etwa 1955 überliefern Fragmente des Lebens von Ferry S.. Er arbeitet an einem Institut für Bodenbiologie, fährt nach Graz, in die Wachau und an die Ostsee. Dort beobachten die Badeurlauber neugierig, wie ein U-Boot an dem Pier anlegt, auf dem sie sich sonnen. Abgesehen von einigen Bildern, die Ferry in Uniform zeigen, sind das die einzigen Aufnahmen, die darauf hinweisen, dass die Zeiten nicht so friedlich waren, wie sie erscheinen. Ausgiebig fotografiert er die Zimmer, in denen er lebt, seine Eltern, die er besucht, die Frauen, mit denen er reist; nicht selten gibt er ihnen die Kamera, so dass auch von ihm viele Bilder in den Alben sind. Der Frühling 1945 muss besonders schön gewesen sein – man sieht Ferry mit seiner Frau im Prater, sie mit Sonnenbrille, er im langen Mantel, beide mit elegantem Hut. Es ist schwer vorstellbar, dass der Krieg und sein Ende sie unberührt gelassen hat. Aber sie fotografierten, als ob sie sich daran nicht erinnern wollten.

Die private Fotografie erweist sich damit gerade nicht als ein Medium der umfassenden Erinnerung. Im Akt des Fotografierens wird die zukünftige Betrachtung vorweggenommen; was dann erscheinen soll, ist ein gutes Leben. Mit Hilfe der privaten Fotografie lässt sich vorausschauend und im Rückblick die Kontinuität der eigenen Existenz in und auch gegen die Geschichte herstellen und verteidigen, über alle historischen Brüche, alle Traumata, alle Schuld hinweg.

Mit der Ausstellung „Alle antreten! Es wird geknipst!“ wird zum ersten Mal ein größerer Bestand der privaten Fotografie in Österreich eingehend und öffentlich untersucht. Vorbereitend haben die beiden Kuratoren Herbert Justnik und Friedrich Tietjen hunderte von Alben und tausende von Fotografien gesichtet; zusätzlich wurden im Rahmen von Albensichtungen mehr als 30 Gespräche mit Besitzer*innen von Alben geführt und aufgezeichnet. Ziel war es dabei, die private Fotografie als Gewebe von Praktiken zu verstehen, die Bilder hervorbringen, zirkulieren lassen und zu sehen geben. Dass die Anlässe und Motive vieler Bilder außerordentlich ähnlich sind und dass sie sich über die Zeit kaum verändern, ist dabei Ausgangspunkt für Forschungen, denen die Ausstellung Raum geben wird.

Während der Laufzeit werden Kolleg*innen aus dem Aus- und Inland die Bestände an Arbeitsplätzen im Ausstellungsraum eingehender untersuchen; diese Arbeitsplätze stehen allen Interessierten zur Verfügung, die entweder vorhandene Bestände untersuchen oder auch ihre eigenen Alben mit anderen vergleichen wollen. Die Ergebnisse dieser Tätigkeiten werden unmittelbar in die Ausstellung eingespeist, deren Display sich damit dynamisch verändert. An den Wänden wird sie anhand von Bilderwolken aus gescannten Fotografien beispielsweise zu sehen geben, welchen Niederschlag das Jahr 1938 in der privaten Fotografie fand, wie Familienfeste zwischen 1930 und 1950 aussahen oder welche Bildtypen ein glückliches, erfülltes Leben darstellen. In Vitrinen werden schließlich die technischen und ästhetischen Grundlagen der privaten Fotografie vorgestellt: Wie wurden die Bilder aufgenommen, wie wurden sie vervielfältigt, und wie wurden sie gezeigt?

Parallel zur Ausstellung wird es ein ausführliches Veranstaltungsprogramm geben. Auch die Albensichtungen werden fortgesetzt – Interessent*innen können sich dafür unter 0677 625 354 00 oder fotosammlung@volkskundemuseum.at informieren.


Forschungsinstitut
Wollen Sie sich vertieft mit Literatur zum Thema der Forschungsausstellung auseinandersetzen? Wollen Sie sich historische Originale genauer ansehen, oder mit ihnen arbeiten? Oder haben Sie Fragen zum Projekt?
Dienstag, Donnerstag und Freitag ist das Forschungsinstitut zur privaten Fotografie von 14.00 bis 17.00 Uhr besetzt, Mittwoch von 10.00 bis 16.00 Uhr, außerdem jeden ersten Samstag im Monat ebenfalls von 10.00 bis 17.00 Uhr. Auch sonst sind wir oft zu erreichen, rufen Sie doch bitte die Fotosammlung unter 01 406 89 05.33 an.


Kuratoren:
Mag. Herbert Justnik, Leiter Fotosammlung Volkskundemuseum Wien
Dr. Friedrich Tietjen, Fotohistoriker

Für spezielle Fragen oder wenn Sie mit uns über Ihre Fotografien aus 1930-1950 sprechen wollen:
fotosammlung@volkskundemuseum.at
oder +43 (0) 677 625 354 00

Begleitblog: privatefotografie.wordpress.com


BEGLEITPROGRAMM

Pressekonferenz
Di, 9.10.2018, 11.00 Uhr

Eröffnung
Di, 9.10.2018, 19.00 Uhr

Ausstellungsrundgang und Gespräch
Do, 8.11., 6.12.2018, 7.2.2019
jeweils 18.00 Uhr
Die Ausstellungsmacher*innen geben Einblicke in das Ausstellungs- und Forschungsprojekt.
Kosten: Eintritt + € 4,- Führungstarif

Reden wir über Ihre Bilder!
Do, 18.10., 29.11.2018, 24.1., 14.2.2019
jeweils 18.00 Uhr
Der Fokus des Projektes ist der Zeitraum zwischen 1930 und 1950, doch interessieren uns auch Praktiken der privaten Fotografie über diesen Zeitraum hinaus. Wir laden Sie ein, private Fotografien jeglicher Art mitzubringen, ob es die Selfies in Ihrem Smartphone oder Bilder Ihrer Ahnen sind – wir wollen mit Ihnen darüber nachdenken, was diese Bilder bedeuten und wie Sie mit ihnen als Medien der privaten Geschichte umgehen. Dieses Gesprächsformat möchte als kollaborative, kollektive Wissensproduktion den Methoden auf die Spur kommen, mit denen wir unsere eigene, individuelle Geschichte und Biografie schreiben.
Eintritt frei

Home Movie Day
Bringen Sie Ihre Filme!
Sa, 13.10.2018, ab 14.00 Uhr
Das Österreichische Filmmuseum führt eine Veranstaltung zum internationalen Home Movie Day im Rahmen der Ausstellung im Volkskundemuseum Wien durch. Mitarbeiter*innen des Filmmuseums sprechen über das Sammeln, Identifizieren und Wiederaufführen von Amateurfilmen und präsentieren gemeinsam mit Historiker*innen des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Gesellschaft und Gästen (Sammler*innen, Filmemacher*innen und Künstler*innen, Kurator*innen) Privatfilme, zum Teil in analoger Projektion. Besucher*innen haben die Gelegenheit, Filmmaterial mitzubringen, um es im Filmmuseum befunden zu lassen.
www.filmmuseum.at
Eintritt frei

Workshop und Albums Lecture
Photography Albums in Russia
Di, 16.10.2018
15.00 Uhr Workshop: Private Photography in Archives
19.00 Uhr Albums Lecture: Photography Albums in Russia. Topoi, Tropes and Traditions
Mit Maria Gourieva (St. Petersburg State University/St.Petersburg State Institute for Culture)


KULTURVERMITTLUNG

Sonntagsführung
So, 14.10., 28.10., 18.11., 2.12., 23.12.2018, 6.1., 20.1., 3.2., 17.2.2019
jeweils 15.00 Uhr
Kosten: Eintritt + € 4,- Führungstarif

Workshop
Sprechen über Fotos und Geschichte(n)
Ab 12 Jahren
Wie werden die ereignisreichen Jahre zwischen 1930 und 1950 dargestellt? Warum sieht man so wenig von Krieg und Verfolgung und so viel von friedlichem, schönem Leben?
Wir sehen uns im Workshop private Fotografien und Alben an, analysieren historische sowie gegenwärtige Zusammenhänge und stellen Fragen an das Material. Methodisches Ziel ist es, Einblicke in die Fotogeschichte zu bekommen und über die Zeit des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus zu sprechen. Es geht um das Bewusstsein, dass auch das eigene Fotografieren Geschichte produziert und zur Reflexion der eigenen Geschichte genutzt werden kann.
Anmeldung erforderlich
Dauer: 90 Min
Kosten: € 4,50 pro Person

Informationsveranstaltung für Pädagog*innen
Do, 11.10.2018, 16.30 Uhr
Anmeldung erforderlich
Eintritt frei

Anmeldung und Information
kulturvermittlung@volkskundemuseum.at
oder +43 (0) 1 406 89 05.26


// English //

„Everbody line up! It‘s time to snap!“
Private Photography in Austria 1930-1950

 
If you leaf through family albums from the two decades between 1930 and 1950, you will find biographies, but hardly history. The photographs give the impression that the lives of most families during this period were an eternal weekend.  The discrepancy between the images and our historical knowledge about these years and their catastrophes is striking. How does it come about?
 
We don't know who these people were who looked into or past the lens of the camera somewhere in Austria sometime in the 1930s. "Everybody line up! It's time to snap!" was noted above the group picture in the album, which was put together considerably later - a teasing tone of command is satirized here and shows that such photographs were indeed private and yet also a medium of control. Who controls whom and how is not easily recognizable and seldom unambiguous; it is striking, however, how much private photography avoids taking up something of the politics and history of these years. Almost all pictures tell something about the good life in a perfect world with silver weddings, convivial evenings, weekend excursions and Christmas gift tables.
 
The exhibition "Everybody, line up! It's time to snap!" deals with the role of private photography in Austria from 1930 to 1950, two decades that have been permeated by ruptures - the cold coup d'état of Austrofascism, the suppression of the socialist resistance and the failed coup d'état of the Nazis, "Anschluss", World War, Shoah and finally defeat, liberation and occupation by the allied troops. There are many pictures of them to be seen in books and exhibitions. But the private photography of these years seems to have other tasks than recording the collapse of politics and history for family narratives.
 
What are these tasks? The aim of the exhibition, which sees itself as a space for exhibitions and research, is to find out more about them. It shows thousands of pictures from private collections, through which visitors can learn more about the private photographic practices of the two decades and, if necessary, pursue their own reflections and investigations. There is space on the walls to arrange the existing and new images according to changing criteria; albums and specialist literature are available at workplaces, for example, to compare one's own family photographs with the existing ones, to locate and date images, or to work on specific questions. The exhibition sees itself as a collaborative research project. Knowledge processes take place publicly, and the generated results constantly change the visible surface of the exhibition.

For more information please write to fotosammlung@volkskundemuseum.at

Research Institute
You would like to get involved more deeply with literature on the exhibition´s topic? You would like to take a closer look at the historic originals or work with them? Or you have questions about the project?
The exhibition staff is glad to assist you during the following hours: Tuesday, Thursday and Friday from 14.00 to 17.00h, Wednesday 10.00 to 16.00h. Every first Saturday of the month from 10.00 to 17.00h. In addition, please call the photography department under 01 406 89 05.33, we are often available.
Volkskundemuseum Wien
Laudongasse 15–19, 1080 Wien

T: +43 1 406 89 05
F: +43 1 408 53 42
E: office@volkskundemuseum.at
W: www.volkskundemuseum.at

Öffnungszeiten
Museum: Di bis So, 10.00 bis 17.00 Uhr
Do, 10.00 bis 20.00 Uhr
Bibliothek: Di bis Fr, 9.00 bis 12.00 Uhr
Café: Di bis So, 10.00 bis 17.00 Uhr
Mostothek: Di, ab 17.00 Uhr

Sonderöffnungszeiten, Schließzeiten,
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