Start: Mai 2021

Realfiktion Klimarechnungshof

Klimaschutz zwischen wissenschaftlicher Evidenz und demokratischer Kontrolle

Was wäre, wenn? Was wäre, wenn der Klimarechnungshof, wie ihn das österreichische Klimavolksbegehren im Jahr 2020 forderte, schon realisiert wäre? Während der mühsame Weg durch die demokratischen Instanzen noch geführt wird, greift das transdisziplinäre Forschungsprojekt Realfiktion Klimarechnungshof der Zeit voraus und ruft die Institution ins Leben.
Realfiktion Klimarechnungshof ist ein wissensanthropologisches Forschungsprojekt, das von der Universität Wien in Kooperation mit dem Volkskundemuseum Wien durchgeführt wird. In den kommenden zwei Jahren finden eine Reihe von Pre-enactments des Klimarechnungshofs in verschiedenen Formaten im Studio Klimawandelwissen des Volkskundemuseums Wien statt.
 
Wissenschaftliche Leitung:
Prof. Dr. Alexa Färber, Wissensanthropologie, Institut für Europäische Ethnologie Universität Wien
Dr. Milena Bister, Institut für Europäische Ethnologie, Universität Wien & Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin
Prof. Dr. Anna Echterhölter, Wissenschaftsgeschichte, Institut für Geschichte Universität Wien (Pilotphase 2021)

Kuratierung und Dramaturgie:
Alexander Martos, freier Wissenschaftskurator
Herbert Justnik, Kurator, Volkskundemuseum Wien

Studentische Mitarbeit:
Rebecca Akimoto
Niklas Schrade

Zum Institut für Europäische Ethnologie Universität Wien

Gefördert von der Stadt Wien Kultur und FWF, Wissenschaftsfonds.

                      

Zwischen Umweltindikatoren, Pfaddiagrammen, dem 1,5-Grad-Ziel, Schädlingsbekämpfung, einem Klimabudget und der tickenden Uhr: Das Wissen um den Klimawandel ist vielfältig. Es ist erfahrungsbasiert und im Alltag verankert, wird wissenschaftlich hergestellt, in unterschiedlichen Disziplinen kontrovers verhandelt, in Politik und Administration aufgegriffen und in Wahlprogramme, Gesetze und Verordnungen gegossen. In unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen folgt es dabei nicht nur den jeweiligen Sprachregeln und Argumentationsweisen, sondern ist darüber hinaus eng mit Visualisierungen verknüpft, die die jeweiligen Expertisen veranschaulichen. Sie sensibilisieren Menschen für die Klimakrise, doch regen sie auch zu politischem Handeln an?
 
Für die hochaktuelle Frage, wie die Menschheit heute den Klimawandel kontrollieren kann, um für sich selbst und kommende Generationen lebenswerte Bedingungen am Planeten zu erhalten, liegen unzählige Antworten vor. Eine davon wurde vom österreichischen Klimavolksbegehren 2019 weltweit erstmalig vorgestellt: Der Klimarechnungshof. Als politisch unabhängiges Kontrollorgan des Parlaments wäre der Klimarechnungshof demokratisch beauftragt, die praktische Wirksamkeit von Klimaschutzmaßnahmen zu kontrollieren.
 
Voraussetzung für die Ausübung dieser Kontrollaufgabe ist das Konzept eines globalen CO2-Budgets, wie es 2014 vom Weltklimarat etabliert wurde. Doch wie könnte ein Klimarechnungshof das durchaus umstrittene wissenschaftliche Wissen zum Klimawandel mit politischem Wissen und klimapolitischer Praxis im nationalstaatlichen Maßstab in Verhandlung bringen?
 
Das Forschungsprojekt Realfiktion Klimarechnungshof versetzt alle Interessierten ins Zentrum dieser Herausforderung. In Zusammenarbeit mit Expert*innen aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft erörtern wir die Auswirkungen des Klimabudgetregimes auf die Möglichkeiten, wie wir den Klimawandel gesellschaftlich konzipieren und demokratisch gestalten können. In Workshops, Performances und Kurzfilmen setzt das Forschungsprojekt innovative wissenschaftliche Methoden der Spekulation ein, um die Produktion von Klimawandelwissen zu untersuchen – bevor und während es wiederum Teil demokratischer Gesetzgebungsverfahren wird. Diesen Prozess bezeichnen wir als Realfiktion, oder auch forschendes Pre-enactment.
 
Mittels vielfältiger Forschungs- und Veröffentlichungsformate verfolgen wir das Ziel, selbst zur Bildung von Klimawandelwissen beizutragen, indem wir Zukunftsimaginationen gestalten und gesellschaftliche Reaktionsmöglichkeiten auf die Klimakrise ausloten. Darüber hinaus dient die Realfiktion Klimarechnungshof dazu, das multimodale Methodenrepertoire wissensanthropologischer Erkenntnisprozesse zu erweitern und methodologisch zu begründen.
 
Das Forschungsprojekt Realfiktion Klimarechnungshof wird vom Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien geleitet und im 1000-Ideen-Programm des Wissenschaftsfonds FWF gefördert. Das Projekt ist Teil der kollaborativen Forschungsinitiative „Studio Klimawandelwissen“, die vom Institut für Europäische Ethnologie initiiert und in Kooperation mit dem Arbeitsbereich für Wissenschaftsgeschichte der Universität Wien und dem Volkskundemuseum Wien seit 2020 durchgeführt wird.

Laufende Entwicklungen, Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Forschungsprozess des Realfiktion Klimarechnungshof.


Realfiktion Klimarechnungshof #2
Der angezählte Planet

Durchsetzung des Umweltrechts
Der Klimarechnungshof kann die fehlende fachliche Expertise liefern, um das jetzt schon bestehende Vollzugsdefizit im Umweltrecht zu verringern.
 
Mehrdimensionalität
Im co²-Budget als einzelnem Indikator stellt sich die Mehrdimensionalität und Relationalität des Klimawandels und seiner Folge nicht dar. Der Klima:rechnungshof kann sich in seiner Arbeit nicht auf das System Klima beschränken und muss Interdependenzen und Auswirkungen weiterer Systeme mitbeachten. Hierfür müssen qualitative und quantitative Kennzahlen zusammengedacht werden.
 
Verbindlicher Diskurs/Zivilgesellschaftliche Rückbindung
Um die Komplexität im Klimawandelwissen zu verringern, benötigt es eine starke Zusammenarbeit von Politik und Gesellschaft, beispielsweise können Indikatoren unter breiter zivilgesellschaftlicher Teilhabe entwickelt werden. Diese müssen auch Raum für den Diskurs nicht-messbarer Daten bieten.
Dafür benötigt es neue politische Methoden und Formate des verbindlichen Diskurses, welcher eine Rückbindung an die Zivilgesellschaft darstellt.
 
Visualisierung
Eine geeignete Visualisierung reduziert nicht per se die Komplexität, sondern bildet die Mehrdimensionalität verständlich ab und erklärt sie. Soziales, ökologisches und ökonomisches wird in der Abbildung zusammen gedacht. Ziel ist ein Anstoßmoment und die reflexive Politisierung der Zivilgesellschaft. Aus dem Handlungsdruck soll eine positive und kreative Perspektive gebildet werden.

(Eintrag: 15.3.2022)


Realfiktion Klimarechnungshof #1
Making Climate Public

Indikator CO2-Budget
Das Konzept eines globalen co²-Budget als Indikator für den Klimawandel ist zweischneidig. Ermöglicht es einerseits eine konkrete Berechnung von Zukunftsentwicklungen und entfaltet darüber ein Mobilisierungspotential, kann das Bild des Budgets andererseits die Ernsthaftigkeit der Krise nicht zu Genüge abbilden, es suggeriert, dass Schulden möglich seien, das Budget überziehbar. Die Frage, was nach Überschreiten des globalen Budgets passiert, kann der K:RH nicht klären. Über die Kontrolle des Budgets kann er jedoch die fehlende Ernsthaftigkeit aufbauen.
 
Lücken in der Datenlage
Eine größtmögliche Datenlage ist für die Kontrollfunktion des K:RH imminent. Die Installation des K:RH enthält die Chance Lücken in der Datenlage zu füllen. Für die Erhebung der fehlenden Daten benötigt es aber neue (sozial-)wissenschaftliche Methoden. Aus diesen sollte sich eine Perspektive auf Nationalstaaten entwickeln, die diese nicht als homogene Entität sieht, sondern die interne Unterschiede berücksichtigt.
 
Wer zählt in den Daten und wer erzählt wie den Klimawandel?
Unterschiedliche numerische Regime konstruieren verschiedene Arten von Klima(wandel)wissen. Diese erzeugen unterschiedlichste Erzählungen über den Klimawandel. In der Prüfung des K:RH und im wichtigen Vergleich mit anderen Ländern müssen diese einbezogen werden.
 
Positive Emotionalisierung
Die Bekämpfung der Klimakrise fordert zwei Grundelemente von der neu zu schaffenden Institution Klimarechnungshof: Partizipation und Zeitdruck-Resilienz. Statt der hemmenden Angst sollten motivierende Emotionen hervorgerufen werden, die Momente der positiven Gestaltungsfantasie fördern, neue Lebensstile gemeinsam zu entwickeln.
 
Rolle des K:RH?
Noch zu klärende Fragen zur Struktur des K:RH betreffen die demokratische Legitimation des Budgets (wer bestimmt die Zahl?), der Kontrollrichtung (wer kontrolliert wen?) und das Verhältnis und Vergleich von nationalem Treibhausgasbudget und globalem co²-Budget. In letzterem könnte eine zentrale Rolle des K:RH liegen.

(Eintrag: 8.3.2022)
Realfiktion Klimarechnungshof
Auswahlsitzung für Prüffälle
Mo, 28.3.2022, 12.00 Uhr
 
Der Klimarechnungshof prüft anhand eingereichter konkreter Prüffälle die erwarteten Folgen und realen Auswirkungen klimapolitischer Handlungen. Für eine Auswahl solcher Fälle trifft sich eine Kommission aus klimawissenschaftlichen Expert*innen, Klimaaktivismus und Politik.
 
Teilnehmer*innen:
Kommission
Anna Echterhölter, Institut für Geschichte, Universität Wien
Serafin Groebner, Abteilung V/9 Nachhaltige Entwicklung und Bewusstseinsbildung, BMK
Miriam Hofer, Institut für Öffentliches Recht, Climate Change Graz, Universität Graz
Daniel Huppmann, Energy, Climate, and Environment Program, IIASA
Thomas Lindenthal, Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit, BOKU
Katharina Rogenhofer, Klimavolksbegehren
 
Milena Bister, Projektmitarbeiterin Postdoc
Alexa Färber, Projektleiterin und Projektinitiatorin
 
 
Open Call 2021
Gemeinsam mit dem Open Air Kurzfilmfestival dotdotdot laden wir ein, künstlerische Konzepte einzureichen, die sich der audio-visuellen Untersuchung von Klimawandelwissen widmen und zum Forschungsnetzwerk Realfiktion Klimarechnungshof beitragen. Dafür wird zunächst 1 künstlerisches Fellowship in Höhe von 7.500 € vergeben.
Einreichungen bis 1.12.2021 möglich.
Details: pdf zum Download
 
 
Realfiktion Klimarechnungshof #2
Der angezählte Planet
So, 19.9.2021, 14.00 Uhr
 
Ein Nachmittag der Gesprächsdiplomatie zwischen Umweltindikatoren, Gesetzen und Klimawandelwissen: Welche Kennzahlen bezogenen Grundlagen müssen für einen Klimarechnungshof geschaffen werden? Wie lassen sich klimabezogene Kennzahlen in eine rechtliche Form gießen? Und wie können diese verrechtlichten Zahlen politisch durchgesetzt werden? Die Gesprächspartner*innen werfen Fragen nach den Bedingungen und Folgen der Entwicklung von Klimaindizes wie dem 1,5°-Ziel auf und zeichnen die Hürden und Chancen nach, die deren Weg bis zur Gesetzeswerdung aufwirft.
 
 
Realfiktion Klimarechnungshof #1
Making Climate Public
Sa, 8.5.2021, 20.00 Uhr
 
Zum Auftakt der Reihe Realfiktion Klimarechnungshof treffen sich Vertreter*innen aus klimapolitischen Initiativen, der Klimawissenschaft, kulturwissenschaftlichen Wissensforschung und wissenschaftlicher Politikberatung und tauschen sich in öffentlichen Kamingesprächen über Form, Inhalt und Verfahren eines Klimarechnungshofs aus. Was soll ein Klimarechnungshof können? Wer berechnet ein nationales CO2-Budget und wie? Wie gerecht kann ein CO2-Budget sein? Und was passiert, wenn es überschritten wird? Folgen aus Kontrolle auch Konsequenzen?

Volkskundemuseum Wien
Laudongasse 15–19, 1080 Wien
T: +43 1 406 89 05
F: +43 1 408 53 42
E: office@volkskundemuseum.at
W: www.volkskundemuseum.at

Öffnungszeiten
Museum:
Di bis So, 10.00 bis 17.00 Uhr
Do, 10.00 bis 20.00 Uhr
Bibliothek:
Nach Voranmeldung
SchönDing Shop:
Di bis So, 10.00 bis 17.00 Uhr
Do, 10.00 bis 20.00 Uhr

Hildebrandt Café:
Di bis So, 10.00 bis 18.00 Uhr
Do, 10.00 bis 20.00 Uhr

Sommeröffnungszeiten ab 13. Juli
Di und So, 10.00 bis 18.00 Uhr
Mi bis Sa, 10.00 bis 23.00 Uhr
Mostothek:
Di, ab 17.00 Uhr