Volkskundemuseum Wien
Otto Wagner Areal, Pavillon 1
Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien
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Di-Fr: 10-17 Uhr
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F: +43 1 406 89 05.88
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Hinter Mauern
Vom Steinhof zum Otto Wagner Areal
1907 entsteht am westlichen Rand Wiens die Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke „Am Steinhof“. Mehr als sechzig Gebäude, Gärten, Werkstätten, Küche, Kirche und eine interne Bahn lassen den Steinhof wie eine Stadt neben der Stadt erscheinen. Licht, Luft und Grün sollen die Behandlung verbessern. Zugleich trennt eine kilometerlange Mauer das Gelände von seiner Umgebung. Zeitgenössisch wird sie auch als Schutz der Kranken vor neugierigen Blicken beschrieben. Für die Menschen innerhalb der Anstalt ist sie aber eine Grenze zum Alltag der Stadt.
Direkt am Eingang liegt Pavillon 1. Hier werden zunächst neu eingewiesene Frauen aufgenommen, beobachtet und anderen Pavillons zugeteilt. Seine Nutzung verändert sich im Laufe der Zeit: Im Ersten Weltkrieg wird er Teil eines Kriegsspitals. Unter nationalsozialistischer Herrschaft wird das Areal zum Ort von Ausgrenzung, Zwang, Qual und Mord. Mehr als 3.000 Patient:innen werden im Rahmen der „Aktion T4“ deportiert und überwiegend in Hartheim ermordet, weitere Menschen sterben an Hunger, Unterversorgung und Vernachlässigung. Auf der Frauenseite entsteht der „Spiegelgrund“. Pavillon 1 gehört zum Erziehungsheim, in dem Kinder und Jugendliche eingesperrt, diszipliniert und begutachtet werden. Die Nervenklinik für Kinder in den Pavillons 15 und 17 ist zugleich ein Ort qualvoller medizinischer Versuche und des Mordes. 789 Todesopfer sind heute dokumentiert.
1945 endet die NS-Herrschaft, doch der Ort beginnt nicht völlig neu. Die Großanstalt bleibt lange weitgehend von der Stadt getrennt. Überbelegung, Personalmangel und Gewalt prägen Teile des Alltags der Patient:innen. Misshandlungen und Freiheitsentzug sind bis in die 1980er-Jahre dokumentiert. Auch personelle Kontinuitäten werden sichtbar: Heinrich Gross, der als Arzt am Spiegelgrund tätig war, kann nach dem Krieg am Steinhof Karriere machen und die Präparate ermordeter Kinder weiter „wissenschaftlich“ auswerten. Erst die öffentliche Auseinandersetzung, wesentlich angestoßen durch den Überlebenden Friedrich Zawrel und den Arzt Werner Vogt, macht diese Geschichte breiter sichtbar. 2002 werden sterbliche Überreste von Spiegelgrund-Opfern bestattet. Im sogenannten V-Gebäude entsteht die Gedenkstätte Steinhof.
Seit Ende der 1970er-Jahre verändert die Psychiatriereform den Alltag und die Funktion des Areals. Die Langzeitunterbringung wird reduziert und die Versorgung teilweise in die Stadt verlagert. Im von Patient:innen selbst betriebenen KOMM 24 entsteht ein Raum, in dem sie Alltag und Kultur mitbestimmen. Die Wiener Reform greift dabei auch Entwicklungen auf, die unter dem maßgeblichen Einfluss des italienischen Psychiaters Franco Basaglias entstanden waren.
Heute ist die historische Anlage als Otto Wagner Areal kein psychiatrisches Großkrankenhaus mehr. In Pavillon 1, wo früher Menschen aufgenommen und in die Institution verteilt wurden, arbeiten heute das Volkskundemuseum Wien und das Museum der Migration. Die Mauer steht noch. Einst markierte sie die Grenze einer weitgehend abgeschlossenen Institution, heute öffnet sich das Areal zunehmend zur Stadt. Die Geschichte von Einschluss, Ausschluss, Gewalt aber auch Heilung und Öffnung bleibt dabei gegenwärtig.
Download einer ausführlichen Darstellung (Autor: Sandro Fasching)
Vom Steinhof zum Otto Wagner Areal
1907 entsteht am westlichen Rand Wiens die Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke „Am Steinhof“. Mehr als sechzig Gebäude, Gärten, Werkstätten, Küche, Kirche und eine interne Bahn lassen den Steinhof wie eine Stadt neben der Stadt erscheinen. Licht, Luft und Grün sollen die Behandlung verbessern. Zugleich trennt eine kilometerlange Mauer das Gelände von seiner Umgebung. Zeitgenössisch wird sie auch als Schutz der Kranken vor neugierigen Blicken beschrieben. Für die Menschen innerhalb der Anstalt ist sie aber eine Grenze zum Alltag der Stadt.
Direkt am Eingang liegt Pavillon 1. Hier werden zunächst neu eingewiesene Frauen aufgenommen, beobachtet und anderen Pavillons zugeteilt. Seine Nutzung verändert sich im Laufe der Zeit: Im Ersten Weltkrieg wird er Teil eines Kriegsspitals. Unter nationalsozialistischer Herrschaft wird das Areal zum Ort von Ausgrenzung, Zwang, Qual und Mord. Mehr als 3.000 Patient:innen werden im Rahmen der „Aktion T4“ deportiert und überwiegend in Hartheim ermordet, weitere Menschen sterben an Hunger, Unterversorgung und Vernachlässigung. Auf der Frauenseite entsteht der „Spiegelgrund“. Pavillon 1 gehört zum Erziehungsheim, in dem Kinder und Jugendliche eingesperrt, diszipliniert und begutachtet werden. Die Nervenklinik für Kinder in den Pavillons 15 und 17 ist zugleich ein Ort qualvoller medizinischer Versuche und des Mordes. 789 Todesopfer sind heute dokumentiert.
1945 endet die NS-Herrschaft, doch der Ort beginnt nicht völlig neu. Die Großanstalt bleibt lange weitgehend von der Stadt getrennt. Überbelegung, Personalmangel und Gewalt prägen Teile des Alltags der Patient:innen. Misshandlungen und Freiheitsentzug sind bis in die 1980er-Jahre dokumentiert. Auch personelle Kontinuitäten werden sichtbar: Heinrich Gross, der als Arzt am Spiegelgrund tätig war, kann nach dem Krieg am Steinhof Karriere machen und die Präparate ermordeter Kinder weiter „wissenschaftlich“ auswerten. Erst die öffentliche Auseinandersetzung, wesentlich angestoßen durch den Überlebenden Friedrich Zawrel und den Arzt Werner Vogt, macht diese Geschichte breiter sichtbar. 2002 werden sterbliche Überreste von Spiegelgrund-Opfern bestattet. Im sogenannten V-Gebäude entsteht die Gedenkstätte Steinhof.
Seit Ende der 1970er-Jahre verändert die Psychiatriereform den Alltag und die Funktion des Areals. Die Langzeitunterbringung wird reduziert und die Versorgung teilweise in die Stadt verlagert. Im von Patient:innen selbst betriebenen KOMM 24 entsteht ein Raum, in dem sie Alltag und Kultur mitbestimmen. Die Wiener Reform greift dabei auch Entwicklungen auf, die unter dem maßgeblichen Einfluss des italienischen Psychiaters Franco Basaglias entstanden waren.
Heute ist die historische Anlage als Otto Wagner Areal kein psychiatrisches Großkrankenhaus mehr. In Pavillon 1, wo früher Menschen aufgenommen und in die Institution verteilt wurden, arbeiten heute das Volkskundemuseum Wien und das Museum der Migration. Die Mauer steht noch. Einst markierte sie die Grenze einer weitgehend abgeschlossenen Institution, heute öffnet sich das Areal zunehmend zur Stadt. Die Geschichte von Einschluss, Ausschluss, Gewalt aber auch Heilung und Öffnung bleibt dabei gegenwärtig.
Download einer ausführlichen Darstellung (Autor: Sandro Fasching)



