Interview 4/2021

„Diesen Museumszugang, der nicht auf das Perfekte abzielt, sondern ein Probieren ist, finde ich erfrischend.“

Luise Reitstätter, Kultur- und Museumswissenschaftlerin, im Gespräch über ihre Liebe und Forschung zu Museen, über Dauerausstellungen im Wandel der Zeit und über Paare in Ausstellungen.
Du bist Kulturwissenschaftlerin. Wie bist du auf das Museum als Forschungsgegen-
stand gekommen?
In meinem Studium hatte ich zwar nur drei Lehrveranstaltungen aus dem Bereich der Museumswissenschaften, die haben mir aber eindeutig am besten gefallen. So habe ich meine Diplomarbeit über Kunstvermittlung als kommunikative Praxis geschrieben und dabei nach gelungenen Beispielen in Wien und Madrid gesucht. In meiner Dissertation habe ich zu Kunstausstellungen gearbeitet. Es ging darum, wie die räumliche Gestaltung und das Handeln der Besucher*innen zusammenspielen. Seit einigen Jahren arbeite ich spezifischer mit und über Museen und deren kulturhistorische Sammlungen. Museum ist mein Herzensthema und nun auch Gegenstand meiner Habilitation. Da frage ich mich, wie man heute sinnstiftend Museum machen und mit experimentelleren Methoden erforschen kann.
 
Warst du bereits von Kind an Museumsnutzerin?
Ich bin am Land in Salzburg und Osttirol aufgewachsen. Meine Familie ist zwar sehr bildungsorientiert, wir sind aber nicht oft ins Museum gegangen. Ich kann mich nur an den Besuch von Theater- und Tanzveranstaltungen, auch Avantgarde, erinnern. Als Studentin in Wien war meine erste große Faszination zeitgenössischer Tanz und Performance, aber ich habe auch viele Ausstellungen besucht. Mein Praktikum im Ausstellungsbüro der Secession war für mich ein berufliches Erweckungserlebnis, weil hier die intensive Begleitung von Künstler*innen, die Gestaltung von Raum und auch der Kontakt mit dem Publikum zusammenkamen. Über verschiedene Stationen im Kulturbetrieb und an der Universität bin ich dem Museum als Arbeitsfeld und Forschungsgebiet einfach immer nähergekommen. Das erste Projekt am Volkskundemuseum Wien war Stadt-Land-Kind und die daraus entstandene Ausstellung RETROPIA. Sprechen über Sehnsuchtsbilder vom Land (2019).
 
Wie kam es dazu?
Ich habe Matthias Beitl bei der Präsentation meines Buches Die Ausstellung verhandeln 2013 kennengelernt. Später wollten meine Kollegin Martina Fineder und ich ein Projekt im Museumsbereich entwickeln und haben Matthias angesprochen. Bei einem Treffen hat Herbert Justnik uns die Fotosammlung gezeigt und im Garten lag eine Servus-Zeitschrift – so entstand die Idee, ausgehend vom aktuellen Phänomen der Landsehnsucht die historische Fotosammlung gemeinsam mit Bürger*innen zu untersuchen.
 
Du kennst das Volkskundemuseum Wien gut, aktuell bist du mit dem Forschungsprojekt Recht auf Museum? am Haus. Wie blickst du auf die volkskundliche Sammlung des Museums und auf die Dauerausstellung?
„Was soll mir diese bäuerliche Sammlung sagen?“, war eines der Statements nach dem Besuch der Dauerausstellung eines Projektteilnehmers, das ich gut nachvollziehen kann. Gleichzeitig gab es bei den Teilnehmer*innen viele begeisterte Stimmen zum Gegenwartsbezug des Museums etwa bei der Intervention Die Küsten Österreichs zu Flucht und Migration. Die Zusammenführung dieser beiden Stränge von klassischen volkskundlichen Objekten und aktuellen Themen sehe ich als die große Herausforderung des Volkskundemuseums. In eurem Mission Statement heißt es, dass ihr gerne experimentiert. Diesen Museumszugang, der nicht auf das Perfekte abzielt, sondern ein Probieren ist, finde ich erfrischend. Das funktioniert in der Praxis mal besser und mal schlechter, ist aber insgesamt sympathisch. Ein solches Museum zeigt sich als aktiv, offen und auch angreifbar.
 
Die Idee vom Museum als Möglichkeitsraum ist uns sehr wichtig. Im Rahmen von Recht auf Museum? habt ihr gezielt Nicht-Museumsbesucher*innen angesprochen bzw. untersucht, wer überhaupt ins Museum kommt. Wie niederschwellig ist ein Museum?
Ich denke da an euren Slogan „Nutze dein Museum“ und an mögliche Formen der Mehrfachnutzung. Unterschiedliche Personen haben in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Ansprüche an ihren Museumsbesuch. Einmal hat man Zeit und Ruhe, ein anderes Mal möchte man nur kurz vorbeischauen. Manchmal ist man geübt und kennt sich aus, zu einigen Dingen weiß man gar nichts. Museen sollten sich immer wieder fragen: Wie vermitteln sich unsere Objekte? Welche Geschichten könnten wir erzählen? Welche Menschen können wir damit ansprechen? Museum funktioniert für mich dann, wenn sich für viele verschiedene Personen und Situationen Angriffspunkte finden.
 
Geht es Museen primär um Objekte und Wissensvermittlung?
Das Museum ist ein öffentlicher Raum, eine Ausstellung ein Kommunikationsmedium. So ist es meiner Meinung nach ungemein wichtig, sich mit seiner eigenen Sammlung profund auseinanderzusetzen. Ziel und Zweck ist aber, die Objekte öffentlich zugänglich zu machen. In meiner Arbeit untersuche ich empirisch, wie Ausstellungen und Museen sich zur Öffentlichkeit stellen, wie diese von der Öffentlichkeit genutzt werden. Ich beobachte dabei aber immer noch, dass das Museum als Sender und die Besucher*innen als Empfänger*innen betrachtet werden. Das ist eigentlich ein veraltetes Kommunikationsmodell. Natürlich vermitteln Museen Wissen, das gehört zu ihren Kernaufgaben. Es geht aber darüber hinaus. Wenn ich mir das Museum als einen Kreis und die Besucher*in als einen weite-en Kreis denke, geht es für mich um die Schnittmenge dazwischen. Hier kommen zwei Organismen zusammen, es entsteht ein gemeinsamer Raum, in dem etwas passiert und sich entwickeln kann.
 
Welche Rolle spielt bei diesem Zusammentreffen die Dauerausstellung?
Nach unseren 100 begleiteten Museumsbesuchen mit unserem Bürger*innen-Beirat glaube ich doch, dass die Dauerausstellungen vernachlässigt sind beziehungsweise sich weitaus besser vermitteln könnten. Das ist auch im Volkskundemuseum Wien zu beobachten. So gibt es etwa bei den Truhen falsche Zuordnungen, bei der Intervention Die Küsten Österreichs sind die Texte klein und schlecht lesbar. Museen müssten meiner Meinung nach noch viel mehr auf Benutzer*innenfreundlichkeit, auf allgemeine kuratorische Basics achten: Welches Objekt ist wo im Raum ausgestellt und beschriftet? Warum ist genau dieses Objekt da? Warum wird Objekt x mit Objekt y ausgestellt? Und welche Geschichten wollen wir mit diesen Ausstellungskonstellationen erzählen?
 
Braucht es Dauerausstellungen überhaupt noch?
Ja. Das ist für mich ein zentraler Punkt im Projekt Recht auf Museum?, das neben der Frage nach dem Recht auf diese Kulturinstitution auch die Mission hat, die lokale Bevölkerung zur verstärkten Nutzung und Aneignung des Museums aufzufordern. Die Museen gehören den Bürger*innen, ihre Steuergelder finanzieren Sammlungen, Forschung und Vermittlung in Museen. Dauerausstellungen geben Einblicke in die Objektbestände der Häuser und ermöglichen die Auseinandersetzung mit dem eigenen Kulturerbe. Wir brauchen spannende Dauerausstellungen, die unsere Gedanken anregen. Dauerausstellungen haben meist eine Haltbarkeit von zehn Jahren. Vielleicht sind zehn Jahre schon zu viel? Das Volkskundemuseum in Graz hat eine neue semi-permanente Dauerausstellung, auf drei Jahre gedacht.
 
Welche Offenheit braucht es, um am Puls der Zeit zu bleiben?
Das vorarlberg museum hat mit vorarlberg. ein making of etwa eine Dauerausstellung, die sich auch durch Besucher*innen-Inputs immer wieder verändert. Die Hauptausstellung Neue Zeiten: Österreich seit 1918 im Haus der Geschichte Österreich wird durch „Rapid Collecting“ im kleinen Rahmen kontinuierlich erweitert. Graham Black, ein Museumswissenschaftler und -berater, plädiert grundsätzlich dafür, Dauerausstellungen günstig zu produzieren, so dass sie nicht in Stein gemeißelt sind und Veränderungen möglich bleiben. Ganz pragmatisch bedeutet dies auch, Ressourcen für die Zeit nach der Eröffnung einzuplanen – budgetär und gedanklich. Es gilt, den Dingen Zeit zu geben und im Praxistest offen für Veränderungen zu sein. Interessant wäre dahingehend auch, nicht bis zum Schluss im stillen Kämmerlein zu arbeiten und dann eine fertige Ausstellung zu präsentieren, sondern bereits während des Prozesses Ideen und Mockups mit späteren Museumsnutzer*innen zu teilen.
 
Du hast dich in deinen Forschungen mit Inklusion und einfacher Sprache beschäftigt. Das ist eine Herausforderung, weil komplexe Inhalte oft einer komplexeren Darstellung bedürfen. Wie siehst du diesen Spagat?
Bei Inklusion denken viele zunächst vorwiegend an körperliche Beeinträchtigung oder daran, dass jede Form der Beeinträchtigung eine andere Lösung bräuchte. Meine Forschungen zeigen, dass das „Design for all-Prinzip“ grundsätzlich funktioniert. Wenn zum Beispiel ein Text in einfacher Sprache verfasst ist oder genügend Platz zum Rangieren vorhanden ist, kommt das nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern allen zugute. Aber natürlich ist es nicht leicht, es allen recht zu machen. Hier kann auch Anmoderation helfen, in dem ein Haus sein Vorgehen erklärt. „Bei unserer Dauerausstellung handelt es sich um einen reinen Überblick, Vertiefungen finden sich in Exkursräumen oder im Katalog“ – das wäre eine solche einfache Klarstellung. Wie viel wird in Ausstellungen gelesen? In einer Studie mit mobilem Eye-Tracking haben wir festgestellt, dass weitaus mehr gelesen wird, als man denkt. Während frühere Studien von 50 bis 70 % lesenden Besucher*innen ausgegangen sind, haben wir festgestellt, dass im Grunde alle Besucher*innen Texte lesen. Selbst jenes Drittel an Besucher*innen mit einer geringen Leseaktivität liest punktuell oder taxiert Labels und kann so Informationen wie Titel erfassen, die bereits interpretationsleitend sind. Bei zwei Drittel der Besucher*innen ist im Gegenzug ein ausgeprägtes Lesebedürfnis vorhanden. Letztlich aber gilt, je ansprechender – thematisch wie visuell – Informationen vermittelt werden, desto lieber wird gelesen.
 
Wie sieht es mit digitalen Vermittlungsangeboten über QR Codes oder textlichen Handreichungen in Ausstellungen aus?
Wenn man die Ausstellung als Ganzes denkt, bin ich bei zusätzlichen Inhalten über das Handy skeptisch. Menschen schätzen es, wenn sich ihnen im Museum ein ästhetischer Raum abseits des Alltags eröffnet. Durch das Handy kann man da herausgerissen werden. Im Gegenzug fotografiert etwa die Hälfte der Besucher*innen mit dem Handy und es gibt auch Leute, die das Handy im Museum zur Informationsbeschaffung nutzen. Dennoch stellen meiner Ansicht nach erweiterte Inhalte, die nachträglich über QR Codes in die Ausstellung eingegliedert werden, oft eine rezeptionstechnische Herausforderung dar. Integrierte Tablets oder Hörmuscheln funktionieren da oft besser. Wenn man ein Ausstellungsheft an die Hand gibt, sind wiederum Sitzgelegenheiten wichtig, weil niemand im Stehen lange lesen möchte.
 
Museen gelten meist als informativ und interessant. Welche Aspekte könnten darüber hinaus gestärkt werden?
Bei unserem Projekt Recht auf Museum? haben sehr wenige Teilnehmer*innen angegeben, dass sie sich im Museum erholen oder hier Spaß haben. Die Befragten denken vielmehr, dass sie sich im Museum etwas erarbeiten, dass sie möglichst lange bleiben und viele Inhalte rezipieren müssen. Wir beobachten ein klassisches Denken auf beiden Seiten, sowohl bei den Besucher*innen als auch bei den Museen selbst. Museen könnten aber so viel mehr Spaß machen und einen schönen Rahmen für Rekreation oder eine andere Form der Auseinandersetzung mit aktuellen Themen bieten!
 
Die Nutzung von Museen ist stark mit dem Eintrittsregime verbunden. Auch das war ein Untersuchungsgegenstand beim Projekt Recht auf Museum?. Zu welchen Einschätzungen bist du gekommen?
Was das lokale Publikum betrifft, könnten Museen noch alltagsweltlicher und situationsspezifischer denken: Wer hat wann und mit wem Zeit, Lust und Laune ins Museum zu gehen? Eine gute Initiative sind günstige Jahreskarten. Ich befürworte eine Karte für viele Häuser. Ein Projektteilnehmer hatte die Idee, die Jahreskarte der Wiener Linien gegen Aufpreis zu einer Jahreskarte für alle Wiener Museen aufzuwerten. Bei der regulären einmaligen Eintrittskarte fand über alle Museen hinweg die Hälfte der Teilnehmer*innen (48 %) den Preis in Ordnung. 38 % gaben an, der Eintritt sei zu teuer, 14 % haben dies näher erläutert. Die dabei kommentierte Preisbarriere liegt bei etwa 10 Euro. Die Barriere ist jedoch höher, wenn jemand noch kein Museumsfan ist, weil diese Person nicht weiß, was sie erwartet und den Benefit nicht absehen kann. Ich finde die Idee „1+1 gratis“ super. Eine Begleitperson kann kostenlos mitkommen und bekommt so einen Anreiz, das Museum einfach einmal kennen zu lernen. Ich glaube an ein solches Schneeballsystem, weil sich
die Faszination für Museen so möglicherweise multipliziert.
 
Wichtig ist also der mehrfache und gemeinsame Museumsbesuch?
Ins Museum gehen ist etwas Habituelles, eine Aktivität, die man gewissermaßen einübt. Dabei beobachten wir bei unseren Forschungen nicht nur einen erlernten Museumsmodus, wie man sich zu verhalten hat, sondern auch individuelle Besuchsstrategien. Das heißt Besucher*innen erlernen selbst mit der Zeit, welche Art von Objekten und Inhalten ihnen Freude bereiten, wie sie sich dem Gezeigten am gewinnbringendsten nähern. Bei unserem Projekt Recht auf Museum? haben 36 % der Projektteilnehmer*innen die Chance genutzt, gleich mehrere der fünf Partnermuseen zu besuchen. Dabei konnten sie ihre Besuchspräferenzen im Vergleich der Häuser reflektieren und Querverbindungen durch die Museen und Sammlungen herstellen. Hinsichtlich des Besuchsmodus‘ gibt es das Ideal des auf die Objekte fokussierten Individualbesuchs, aber Realität ist, dass Dreiviertel der Besucher*innen gemeinsam ins Museum gehen. In der Kommunikation und in den Angeboten vor Ort könnten Museen auf diese Besuchssituation stärker eingehen. Viele Paare gehen, auch wenn sie gemeinsam ins Museum gehen, unterschiedlich (schnell) durch die Ausstellung, treffen sich wieder und möchten sich austauschen. Für sie braucht es beispielweise Sitzgelegenheiten zum Warten und Verweilräume ohne Objekte zum Plaudern – dahingehend muss ein Museum auch als Sozialraum funktionieren.
 
Brauchen wir mehr Museum nach Feierabend?
Museen sollten zu jeder Tageszeit ein ansprechendes Freizeitangebot bieten, wobei die inhaltliche Tiefe im Gegenzug zu anderen Angeboten den Mehrwert ausmacht. Im Museum gibt es im besten Fall eine gute Mischung aus relevanten Informationen, spannenden Objekten und sozialen Erfahrungen.
 
Das Gespräch führten Gesine Stern und Julia Schulte-Werning.
 
Luise Reitstätter ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien im Labor für empirische Bildwissenschaft. Zu ihren Arbeitsfeldern zählen Praktiken der modernen und zeitgenössischen Kunst, Museologie und Ausstellungstheorie sowie Methoden der empirischen Sozialforschung.

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