Interview 3/2020

Vermehrt Schönes!

Ruth Goubran und Theres Fischill im Gespräch über Kulturförderung und ihre Arbeit im Erste Bank MehrWERT Sponsoring.
Es liegen bewegte drei Monate hinter uns allen. Wie habt Ihr die Zeit des Lockdown erlebt? Wie hat sich Eure Arbeit verändert?
Theres Fischill: Seit Mitte März haben wir von zuhause ausgearbeitet und sind telefonisch in permanentem Austausch geblieben.
Ruth Goubran: Wir sind mit dem Kulturbetrieb eng verbunden und dadurch hat sich unsere Arbeit schlagartig verändert. Zuerst haben wir unsere Partner durchgerufen, um nach der Stimmung zu fragen. Im Hintergrund haben wir versucht, die Verwaltungstätigkeiten aufrechtzuerhalten, was im Homeoffice schwieriger war.
 
Welchen Eindruck habt Ihr aus Euren Gesprächen mit den Kulturschaffenden bekommen?
Ruth Goubran: Ein Eindruck war, dass zunächst Hilflosigkeit geherrscht hat. Diese anfängliche Schockstarre haben wir alle erlebt. Der Kulturmarkt ist extrem divers, das ist sehr deutlich geworden. Wir sehen nun viel klarer, wo die Bruchlinien verlaufen – zur freien Szene, zu den einzelnen Künstlerinnen und Künstlern, zu den unterschiedlichen Genres, zu Kulturmanagern, zu jenen die laut und jenen die leise sind, zu denen die vielleicht zu „systemverwöhnt" sind, etc. Da wird sich viel verändern. Neue programmatische Ansätze, mehr Vernetzung, Inhalte und Formate werden sich wandeln, vor allem braucht es Visionen, wie es in die Zukunft gehen kann. Auch die Frage, wie man arbeitet stellt sich neu. Es bricht jetzt vieles auf.
 
Seit 2011 gibt es das MehrWERT Sponsoringprogramm der Erste Bank. Was ist das Besondere an diesem Programm?
Ruth Goubran: Als ich 2010 die Leitung des Sponsorings übernommen habe, gab es bereits zahlreiche Partnerschaften. Wir haben nicht alle Kooperationen neu aufgebaut. Aber wir haben eine Struktur geschaffen, die eine Haltung der Erste Bank erkennbar macht, nämlich wie Sponsoring bei uns verstanden wird. Wir haben ein Mission Statement formuliert. Heute haben wir eine programmatische Ausrichtung, die auf zwei Säulen beruht: Kunst und Kultur sowie Soziales und Bildung. Unsere Förderstruktur ist nicht auf die Unterstützung einzelner Künstlerinnen und Künstler oder von Einzelprojekten ausgerichtet. Das ist eine bewusste Entscheidung. Wir arbeiten nicht mit einem Jurysystem, sondern mit Partnern, die als Experten für die jeweiligen Inhalte zuständig sind und mit denen wir gemeinsame Perspektiven entwickeln können.
 
Das heißt, es ist mehr als eine reine finanzielle Förderung?
Theres Fischill: Ja genau. Die Zusammenarbeit mit unseren Partnern ist sehr von Austausch geprägt. Ruth Goubran: Wir versuchen immer, Aktivitäten mit unseren Partnern zu entwickeln. Wir sehen es auch als unsere Aufgabe, bestehende Strukturen und Partnerschaften zu vernetzen. Das schafft einen Mehrwert, der Entwicklungen fördert. Damit stehen die Partnerschaften nicht einzeln nebeneinander, sondern bringen gemeinsam Neues hervor.
Theres Fischill: Eines der letzten Projekte, die wir aufgenommen haben, war dotdotdot. Da haben uns das persönliche Engagement und das Konzept von Lisa Mai überzeugt. Durch die Vernetzung mit dem Volkskundemuseum und die Ausrichtung auf vielfältige Angebote wie Barrierefreiheit und dem pay as you can Konzept passt es sehr gut in unser Programm.
 
Ihr habt eine große Beständigkeit in euren Partnerschaften?
Theres Fischill: Ja, und ich glaube, in der Kulturlandschaft wird sehr geschätzt, dass wir ein verlässlicher Partner sind. Viele Partner sind auch stolz, Teil des MehrWERT Sponsoringprogrammes zu sein.
Ruth Goubran: Partnerschaften entwickeln sich, das braucht Zeit.
 
Wie kann man sich Eure Förderstruktur vorstellen?
Ruth Goubran: Wir unterstützen Institutionen, zum Teil einzelne Schienen, sind Hauptsponsor, etc. Das ist auch historisch begründet. Die Erste Bank hat letztes Jahr ihr 200jähriges Bestehen gefeiert und fördert seit langem kulturelle Einrichtungen. Berechtigterweise haben wir traditionelle Kulturinstitutionen im Programm. Unsere Intention ist es aber, nicht nur im Bereich der Hochkultur, sondern vor allem im mittleren und unteren Bereich zu fördern. Die Projekte und Partnerschaften stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern sind vielfach konzeptionell verknüpft. Diese „innere Vernetzung" ist ein wesentliches Merkmal des MehrWERT Sponsoringprogrammes.
 
2014 begann die Unterstützung des Volkskundemuseum Wien. Was waren die gemeinsamen Perspektiven?
Ruth Goubran: Die Kooperation passt natürlich perfekt, weil sich das Volkskundemuseum mit einer Geschichte auseinandersetzt, von der auch die Erste Bank ein Teil ist. Wir sind sehr beeindruckt, wie hier Vermittlung verstanden wird und wie das Museum funktioniert. Das ist für uns ein extrem unterstützenswertes Modell.
 
2016 ist auf Eure Initiative hin im Rahmen der Vienna Design Week die Ausstellung iFAQs - Infrequently Asked Questions von Ebru Kurbak im Volkskundemuseum gezeigt worden. Wie kam es dazu?
Theres Fischill: Die Ausstellung war ein Ergebnis unserer langjährigen Zusammenarbeit mit der Vienna Design Week und einer Kooperation mit der Caritas im Bereich Social Design. Die Künstlerin Ebru Kurbak war Preisträgerin des MehrWERT-Designpreises und konnte ihre Arbeit im Volkskundemuseum zeigen.
Ruth Goubran: Die konzeptionelle und inhaltliche Verknüpfung von Projekten und Partnerschaften ist ein zentraler Ansatz unserer Arbeit. Es geht uns um die Verflechtung von Kunst, Kultur, Sozialem und Bildung. Das Zustandekommen dieses Projektes ist ein Vorzeigebeispiel für diese Arbeitsweise. In diesem Fall eine Zusammenarbeit der Vienna Design Week, der Caritas und dem Volkskundemuseum. Auch eine Publikation, die wir verantwortet haben, ist erschienen.
 
Wir erleben Euch immer als sehr begeistert von dem, was Ihr tut. Ihr habt einen inhaltlichen Zugang mit Herz, würde ich sagen. Was ist für Euch das Besondere an Eurer Arbeit?
Theres Fischill: Die Vielfältigkeit. Es ist nicht jeder Monat, jede Woche gleich. Wir erleben immer wieder Momente, in denen wir uns wahnsinnig mitfreuen können. Zum Beispiel, dass dotdotdot diesen Sommer nun doch stattfinden kann. Die Leute wollen ja wieder etwas erleben und hinausgehen. Auch wenn es Einschränkungen geben wird, gemeinsam werden wir das schaffen.
Ruth Goubran: Wir können unsere Partner ermutigen und ermöglichen, dass sie weiterdenken.
 
Ja, dieses Jahr wird es sogar ein neues Format geben, das Filmdinner.
Theres Fischill: Ihr probiert immer wieder Neues miteinander aus. Das ist es, was wir so schätzen: Wenn unsere Partner gemeinsam neue Wege gehen.
 
Ihr gebt Raum zum Ausprobieren?
Ruth Goubran: Ja, denn wir glauben an unsere Partner. Wir haben aber auch viel gelernt von den Dingen, die nicht so gut funktioniert haben.
 
Ihr geht mit einer gewissen positiven Erwartungshaltung an die Partner heran. Es ist Euch wichtig, was dort passiert und wie es weitergeht. Was erhofft Ihr Euch vom Volkskundemuseum in der näheren Zukunft?
Theres Fischill: Wir wünschen uns für Euch, dass Eure Pläne zur Renovierung und dem Fortkommen des Museums in den nächsten Jahren Schritt für Schritt zu realisieren sind. Und dass wir daran teilhaben können.
Ruth Goubran: Ja, und dass das Publikum und sein Interesse an Euren Themen im m er m ehr werden. Dass Ihr weiterhin Schönes vermehrt!
 

Das Gespräch führten Julia Schulte -Werning und Gesine Stern.

Theres Fischill: seit über 30 Jahren in der Bank tätig. 19 Jahre war sie im Bereich Sparkassen für Veranstaltungen zuständig. Seit 2008 unterstützt sie das Team im Sponsoring.
 
Ruth Goubran: 20 Jahre (1990 bis 2009) Kulturarbeiterin in verschiedenen Kulturorganisationen, u. a. im Architekturzentrum Wien, edition selene, Viennale - Internationales Filmfestival, Wiener Festwochen, 5 Jahre Geschäftsführung des Wiener Gartenbaukinos. Seit 2009 Leitung der Sponsoringabteilung der Erste Bank (Head of Community Affairs and Sponsoring o f Erste Group). In dieser Funktion Entwicklung des MehrWERT Sponsoringprogrammes der Erste Bank mit dem Slogan Vermehrt Schönes!

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