Interview 2/2023

„Unsere Ausstellung ist ein ethnografisches Sammelgefäß“

Ein Besuch bei Michael Hieslmair und Michael Zinganel in ihrem Projektraum am Nordwestbahnhof und ein Gespräch über Sein und Werden des Areals, ethnografische Suchbewegungen und künstlerisch-aktivistisches Schaffen.
Ihr seid seit 2015 am Nordwestbahnhof zugange, wie kam es dazu?
Michael H.: Wir haben 2014 bis 2016 an einem Forschungsprojekt zu den Europäischen Verkehrskorridoren gearbeitet, also den Straßenverbindungen, die Ost- und Westeuropa verbinden. Dabei waren wir zwischen Wien, Tallinn und an der türkisch-bulgarischen Grenze unterwegs und haben soziale Knotenpunkte entlang dieser Route besucht: Raststätten, Fährterminals oder auch Gebrauchtwagenmärkte.. An den jeweiligen Orten haben wir Material gesammelt, mit den Menschen gesprochen und dann in Wien, aber auch auf der Route, Ausstellungen gemacht.
In Wien haben wir uns mit dem Wiener Busbahnhof beschäftigt, der nie ein wirklicher Bahnhof war, sondern eher ein gebastelter, funktionaler Raum. Im Zuge dieses Projekts waren wir auf der Suche nach einem Ort, an dem wir unsere Basis mit Büro, Werkstatt, Lager und Präsentationsfläche einrichten können. Naheliegend war das Headquarter der Wiener Linien in Erdberg.
Per Zufall bin ich am Nordwestbahnhof vorbeigekommen und ins Areal hinein gegangen. Zu dem Zeitpunkt war noch relativ viel Speditionsbetrieb hier und ich habe mich durchgefragt, ob Flächen leer stehen und vermietet werden. Siehe da, ein Büro über einer Lagerhalle war frei. Seither sind wir am Nordwestbahnhof – inzwischen aber in ein anderes Gebäude übersiedelt, in dem sich auch das Infocenter der ÖBB und der MA21 befindet.
 
Ihr seid von Eurer Ausbildung her Architekten. Euer Aktionsfeld ist irgendwo zwischen Kunst und Ethnografie angesiedelt. Wie würdet Ihr Euren Zugang beschreiben?
Michael Z.: Unser Zugang ist eher ethnografisch als künstlerisch. Von Teilen des Kunstbetriebs werden wir demnach nicht ganz so ernst genommen. Für echte Kulturwissenschaftler*innen wiederum ist das, was wir hier tun, zu verspielt und „ideologiefrei“. Wir können schon einen theoretischen Überbau herstellen, und haben das in Anträgen und Publikationen ja auch getan, aber das ist für die Mehrzahl unserer Besucher*innen vor Ort gar nicht interessant.
Unsere Ausstellung am Nordwestbahnhof ist in erster Linie ein ethnografisches Sammelgefäß. Hier werden Gegenstände und Geschichten von Expert*innen des Alltags oder von Nachbar*innen gespendet und ausgestellt, die wir mit historischen Dokumenten und künstlerischen Interventionen ergänzen.
 
Zur Erforschung des Logistik-Knotenpunkts Nordwestbahnhof habt Ihr Euch ein Büro mit Museum mitten im Feld eingerichtet. Den Alltag des Geländes konntet Ihr so aus nächster Nähe und quasi als Teil des Feldes erleben. Was heißt das für das tägliche Arbeiten?
Michael Z.: Natürlich haben uns nach und nach die Geschichte des Nordwestbahnhofs und die Themen rund um Mobilität stark zu interessieren begonnen. Man kommt in Kontakt mit den Menschen und lernt so den Ort ganz anders kennen. Wir haben begonnen unsere „Nachbarn“ zu interviewen, also Menschen, die am Nordwestbahnhof gearbeitet haben oder in der unmittelbaren Umgebung leben. Das war der Startschuss für die Ausstellung im Museum Nordwestbahnhof. Zudem stellten wir eine Leerstelle fest, nämlich dass es viel Wissen über Personenbahnhöfe gibt, jedoch kaum etwas zum Güterverkehr, der ja jeweils in unmittelbar Nachbarschaft des Personenverkehrs abgewickelt wurde. Das war anlassgebend, die Geschichte des Nordwestbahnhofs in einer Ausstellung genauer aufzubereiten.
 
Was ist das Besondere an dem Standort Nordwestbahnhof?
Michael Z.: Es ist für uns eigentlich ein paradiesischer Ort, bzw. war er das. Jetzt beginnt eher die tragische Phase, da alle hier Arbeitenden weggezogen und wir nun die letzten sind. Wir sind mittlerweile auch mit der weiteren Nachbarschaft gut vernetzt. Viele unserer Besucher*innen kommen immer wieder, oft auch zu denselben Veranstaltungs-Formaten. Manche folgen uns sogar zu ganz anderen Projekten an anderen Orten.
 
Was hat sich für Euch verändert im Lauf der Zeit?
Michael Z.: Als wir hierherkamen, wurden wir oft von LKW-Fahrern gefragt, was wir am Areal tun. Es gab eine strenge soziale Kontrolle, man hat auf einander und auf das Areal aufgepasst. Die Leute kannten sich und wussten sofort, wer „von außen“ kommt. Seit hier kein Betrieb mehr stattfindet, öffnet sich das „leerstehende“ Areal für verschiedenste Gruppen. Nicht immer zum Guten. Jugendliche toben sich hier aus. Wir müssen zum Beispiel unsere Installationen am Areal immer wieder renovieren, weil sie zur Zielscheibe für Vandalismus wurden.
 
Spuren von Eurer Arbeit finden sich nicht nur am Außengelände, sondern ebenso in einer großen Halle in direkter Nachbarschaft zu Eurem Museumsstandort. Was hat es damit auf sich?
Michael Z.: In den ehemaligen Autobuswerkstätten fand im Sommer 2022 die große Abschlussausstellung zur aktuellen Quartiersentwicklung in Wien statt, die IBA_Wien. Diese wurde von der Stadt Wien konzipiert und von uns als Ausstellungsarchitekten gestaltet. Teile der Ausstellung werden wir weiterverarbeiten, Teile werden vor Ort erhalten bleiben. Denn diese Halle ist jetzt voll funktionstüchtig was die Elektrik, Veranstaltungstechnik, Lüftung und Dämmung angeht. Wenn zur Diskussion stünde, dass ein altes Gebäude erhalten bleiben soll, dann hätten wir mit dieser Halle schon die Grundbestückung dafür – und mit unserem Museum den Inhalt. Uns würde sicher einiges mehr einfallen – aber aktuell sind wir ziemlich eingedeckt mit Projekten, wie zum Beispiel mit der Gestaltung der kommenden Ausstellung im Volkskundemuseum im April.
 
Wie ist der aktuelle Stand zur Umgestaltung des Areals?
Michael Z.: Wir werden unsere eigenen Installationen, die sich am Areal befinden, erst einmal nicht abbauen. Unsere Aktivitäten sind bisher auf Wohlwollen bei der Planungsabteilung der ÖBB gestoßen. Aber jetzt wird es ernst: Ende dieses Jahres soll allen Nutzer*innen gekündigt werden. Das betrifft die letzten Zwischennutzungen, wie diverse Autowerkstätten, Bastler, eine Fahrschule. 2024 wird abgerissen, voraussichtlich bis zu „unserer“ Halle. Diese soll erst einmal stehen bleiben.
 
Wann ist das letzte Logistikunternehmen hier abgesiedelt?
Michael Z.: Offiziell ist es noch gar nicht abgesiedelt. DB Schenker kostet ihr Nutzungsrecht bis zur letzten Sekunde aus und betreibt immer noch riesige Lagerflächen. Die Verträge der kleinen Unternehmen wurden in den letzten Jahren schon nur mehr für ein Jahr abgeschlossen und dann immer wieder verlängert.
 
Was passiert mit dem Museum und Eurer Arbeitsstätte, wenn die Bauarbeiten starten?
Michael Z.: Wir sind zuversichtlich, dass wir dabeibleiben könnten, wenn wir wollten. Die Frage ist aber, ob es noch so interessant ist, wenn die alten Gebäude abgerissen und damit auch die Ästhetik und das Flair des alten Nordwestbahnhofs verschwunden sein werden. Bei einem Stadtentwicklungsgebiet dieser Dimension bringen sich immer auch vielfältige mächtigere Interessenten in Stellung. Wir wissen aktuell noch nicht, wie sich die Situation entwickelt und wo wir in den sich verändernden Hierarchien stehen werden. Aber: Beim letzten Wahlkampf in Wien stand der Bürgermeister bei seiner Pressekonferenz auf einer Terrasse mit Blick auf das Areal und wies bei seiner Rede auf das neue Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof hin. Er sagte, das Tolle an dem Projekt sei, dass es hier ein Museum zur Geschichte schon gibt, bevor das Areal abgerissen wird. Das war für uns praktisch eine „Absegnung“ von ganz oben.
 
Wie ist Eure Arbeitsweise? Ihr wählt den Zugang oft über die Seite und nicht über den offiziellen Weg – würdet Ihr sagen, das ist Euer Erfolgsrezept?
Michael Z.: Ja schon. Unsere „Technik“ ist eher, leise bleiben, nicht viel zu fordern und notfalls einfach beginnen, auch wenn das Geld noch gar nicht da ist. Wir machen einfach kontinuierlich unser Ding und erarbeiten uns damit in gewisser Weise die Glaubwürdigkeit in den verschiedenen Milieus. Das Gute ist, dass wir hier vor Ort mit Menschen ähnlicher Interessen in Kontakt gekommen sind, die lange eine Art Schutzschirm bildeten. Auch die Ausstattung unseres Museum ist mit der Zeit gewachsen. Über persönliche Kontakte haben wir von verschiedenen Museen am Ende von Ausstellungen immer wieder Aufbauten und Teile der Ausstattung mitnehmen können, die sonst entsorgt worden wären. Auch eigene Projekte haben wir recycelt. Auf diese Weise haben wir einen schönen Fundus aufgebaut, aus dem wir schöpfen können. Uns ist die Kommunikation mit den Leuten extrem wichtig. Der Herr, der vorhin überraschenderweise alleine in der Ausstellung stand und früher am Bahnhof im Verschub gearbeitet hat, kommt ziemlich sicher das nächste Mal mit einem Freund.
 
Wofür steht Ihr? Was ist Eure Philosophie?
Michael Z.: Wir legen unsere Projekte meist mit vielen verschiedenen Erzählsträngen und -ebenen an, makro-politisch-kritisch bis stark lebensweltlich. Das ergibt produktive Widersprüche. Die muss man in einem Projekt wie dem unseren nicht auflösen. Da kann eine politische Theorie über den globalen Warenverkehr am Beispiel unseres Bahnhofs auch einmal in Frage gestellt werden durch das, was uns die Leute am Areal über ihre Erfahrungen aus der Arbeitswelt erzählt haben.  Zentral ist und bleibt, dass diese Personen die Quelle unserer Arbeit bilden.-Der Respekt ihnen gegenüber ist die Basis für den Erfolg unseres Projektes.
 
 
Ihr arbeitet als Verein Tracing Spaces zusammen. Was sind die Vor- und Nachteile einer engen Zusammenarbeit?
Michael H.: Alle guten Projekte entstehen in Zusammenarbeit. In unserem Fall ist die Personalunion von Konzeption, Planung und Gestaltung sehr von Vorteil, weil wir im laufenden Prozess noch weiterentwickeln und Korrekturen machen können. Darüber hinaus ergänzen wir uns bestens. Was der eine Michael nicht kann, vermag der andere Michael umso besser – und umgekehrt.
 
 
Das Gespräch führten Johanna Amlinger und Gesine Stern.
 
 
Michael Hieslmair und Michael Zinganel arbeiten als Kulturhistoriker, Kuratoren, Ausstellungsgestalter und Künstler, seit 2012 unter dem Label Tracing Spaces vorrangig zu Projekten transnationaler Mobilität. Seit Sommer 2015 betreibt Tracing Spaces einen Projektraum am Nordwestbahnhof, einem der letzten innerstädtischen Logistik-Knoten, wo eingebettet das soziale Milieu der Logistiklandschaft sukzessive eine mehrschichtige multimediale Kartografie der Migrations- und Mobilitäts-Erfahrungen von hier tätigen Akteuren erstellt wird.
Mit dem Volkskundemuseum Wien haben Hieslmair und Zinganel bei zwei Projekten als Ausstellungsgestalter zusammengearbeitet: „Das Herz so schwer wie Blei“ – Kunst und Widerstand im Ghetto Theresienstadt (2018) und Gesammelt um jeden Preis! (2023).
 
Das Museum Nordwestbahnhof ist jeden Donnerstag von 15.00 bis 19.00 Uhr sowie nach persönlicher Vereinbarung geöffnet.
 
Die Geschichte des Nordwestbahnhofs ist nachzulesen in: Hachleitner, Bernhard, Hieslmair, Michael, Zinganel, Michael (Hg.), Blinder Fleck Nordwestbahnhof. Biografie eines innenstadtnahen Bahnhofareals, 2022 (Falter Verlag).
 
www.tracingspaces.net
www.tracingspaces.net/museum

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