Interview 2/2020

„Museumsdiplomatie” betreiben

Wolfgang Muchitsch, unter anderem Präsident des Vereins für Volkskunde, im Gespräch über Themen und Positionierungen kulturhistorischer Museen, das Zwischenjahr im Volkskundemuseum Wien und über Vereine in Zeiten loser Bindungen.
Können Sie sich an Ihren ersten Besuch im Volkskundemuseum Wien erinnern?
Muchitsch: Der erste Besuch war in den 2000er Jahren im Zusammenhang mit dem Museumsbund. Margot Schindler war Direktorin, und es ging auch damals um die Zukunft des Hauses.
 
Wie sehen Sie die Entwicklung des Volkskundemuseums in Wien?
Muchitsch: Auf der inhaltlichen Ebene hat sich das Museum sehr gut entwickelt. Es ist seit geraumer Zeit Vorbild für Museen in diesem Bereich. Im Vergleich zu anderen Volkskundemuseen im deutschsprachigen Raum ist das Volkskundemuseum Wien mit seiner inhaltlichen Performance und bei der Umsetzung der Ausstellungsthemen weit vorne. Die Herausforderung ist seit jeher die Infrastruktur, die nicht mehr den Anforderungen dessen entspricht, was hier geleistet wird.
 
Inwiefern war das Museum Vorreiter?
Muchitsch: Es gibt auf der einen Seite den klassischen Kanon, den wir auch im Volkskundemuseum in Graz im Verband des Universalmuseums Joanneum haben. Das Museum in Wien war schon früh näher am wissenschaftlichen Diskurs, der in der Volkskunde universitär verlaufen ist: weg von klassischen volkskundlichen Themen hin zu Fragen der Alltagskultur, der Sozialgeschichte, der Zeitgeschichte. Die institutionellen Grenzen in den Fächern verschwimmen zunehmend. Dadurch war man in Wien ein Stück voraus. Die Themen waren am Puls der Zeit und der wissenschaftlichen Entwicklung im Vergleich zu anderen Volkskundemuseen. Diese haben jetzt das Problem, dass der Gap zwischen der akademischen Volkskunde und dem, was in manchen Museen noch passiert, immer größer wird und dass die universitäre Volkskunde keine AbsolventInnen bringt, die mit unseren Sammlungen arbeiten können.
 
Wir merken das, wenn Journalistinnen anrufen und die typischen Weihnachts oder Osterfragen stellen. Wir haben teilweise Schwierigkeiten, Expertinnen für diese Fragen zu finden.
Muchitsch: Genau. Wir haben kaum jemanden, der die Kompetenz für das Material oder für Objekte des klassischen Brauchtums hat. Es gab eine Zeit lang die Tendenz in der Volkskunde, dass man vom Materiellen weggegangen ist hin zu sozialen, gesellschaftlichen Fragen. Wo bleibt dann die Expertise in materiellen Dingen? Wer kann noch die Sense vom Dreschflegel unterscheiden? Frühere Generationen von VolkskundlerInnen haben bei uns, wie in Stainz in der landwirtschaftlichen Sammlung, Pflüge gezeichnet. Das soll es natürlich nicht mehr sein, aber aus dieser Generation heraus hat sich ein sehr hohes Wissen um die historisch gewachsenen Sammlungen entwickelt, die wir trotzdem mitnehmen müssen. Auch wenn wir uns jetzt mit Migration beschäftigen oder mit Genderfragen oder nur mit zeitgenössischen Fragestellungen, gibt es in unseren Depots trotzdem Exponate, die mehrere hundert Jahre alt sind und stark dieses bäuerliche, vorindustrielle Erbe widerspiegeln. Arbeite ich nun nur noch sozialwissenschaftlich, stellt sich die Frage, ob ich mittelfristig überhaupt noch Expertise im Haus habe, um mit der Materialität umzugehen.
 
Brauchen wir noch diese Expertinnen? Das ist doch letztlich eine Frage der Positionierung von kulturhistorischen Museen.
Muchitsch: Wir brauchen beides: Die Material-Exper*innen und KuratorInnen, die mit Themen umgehen können. Wir brauchen heterogene Teams, also auch Leute mit Liebe zum Objekt. Doch von den Universitäten bekommen wir sie nicht. Die jungen KollegInnen erlernen das Know-How über Materialien meist erst bei der Arbeit im Museum und direkt von älteren Kolleg*innen. Das Wissen um die Materialität ist ein Alleinstellungsmerkmal der Museen und ich glaube, dass diese Expertise ein Teil unseres Kernauftrages ist.
 
Wir sind am Anfang unseres Zwischenjahres. Wir beschäftigen uns mit den Sammlungen und der Forschung, die im Alltagstrubel oft zu kurz kommen. Dafür verzichten wir dieses Jahr auf Sonderausstellungen. Frei nach dem Künstlerduo Bildstein | Glatz, das eine wunderschöne Brücke aus Staffelholz ohne Anfang und Ende gebaut und diese Arbeit Soweit das Budget reicht genannt hat: Wie finden Sie dieses Vorhaben?
Muchitsch: Mutig. Sonst passiert das nur bei größeren Umbauten. Dann findet keine Ausstellung statt, aber die Arbeit hinter den Kulissen, die lange vorgenommene Sammlungsarbeit, kann abgearbeitet werden. Dass man das im laufenden Betrieb macht, ohne Problemstellung, etwa weil es budgetär nicht mehr geht, finde ich einen spannenden konsequenten Schritt. Ich hoffe, dass das Team am Jahresende das Ergebnis erzielt hat, das es sich erhofft.
 
Es gibt also eine Erwartungshaltung?
Muchitsch: Ja, auch von außen. Man hat die Vorstellung, nach so einem Jahr ist die Sammlung top aufgearbeitet, digitalisiert und inventarisiert. Wir haben in den letzten fünfzehn Jahren alle unsere Häuser umgebaut, es gab immer die Aussage von den Abteilungen: jetzt widmen wir uns den Sammlungen und digitalisieren sie. Dann kommen andere Dinge dazwischen und am Ende ist man nicht dort, wo man hinwollte.
 
Wir setzen mit dem Zwischenjahr nicht zuletzt ein kulturpolitisches Zeichen: So weit geht es mit diesem Budget, wir können mit den Ressourcen entweder das Eine oder das Andere machen. Muchitsch: Es ist eine gewisse Gratwanderung, dass man nicht vom Radar verschwindet. Man tut sich in Wien sowieso schwer mit dieser Konstruktion, der Gemengelage der MitbewerberInnen und dem Markt auf dem man sich bewegt. Man kämpft um Aufmerksamkeit zwischen den Häusern. Gerade für dieses Haus ist es wichtig, wie Ihr Euch positionieren werdet, in der Museumslandschaft in Wien. Das Wien Museum ist gerade kaum präsent. Das Haus der Geschichte kann nicht das leisten, was es leisten könnte. Aber mittelfristig sind hier drei Institutionen in Wien, die sich vielfach mit ähnlichen Themenstellungen auseinandersetzen: mit Sozialgeschichte oder zeithistorischen Themen. Da muss man sich fragen, was dann die Stärke dieses Ortes ausmacht.
 
Wie kann eine solche Positionierung oder Kooperation zwischen Museen aussehen?
Muchitsch: In Wien gibt es das Wien Museum, das Weltmuseum, das Haus der Geschichte und Euch. Die vier müssten stärker in Dialog treten, in Austausch über thematische Entwicklungen. Es bräuchte eine Gruppe, in der offen kooperiert und diskutiert werden kann, wo Themen offengelegt werden, in der man bespricht, welche Fragen einen gerade treiben.
 
Seit einem Jahr sind Sie Präsident des Vereins für Volkskunde. Was bedeutet dieses Amt für Sie? Muchitsch: Als dieses Angebot an mich herangetragen wurde, war ich überrascht, aber sehr erfreut. Matthias Beitl und ich arbeiten gut im Museumsbund zusammen. Er hat sich von der Ernennung erhofft, dass ich ihn bei der Sichtbarmachung der aktuellen Situation des Museums unterstützen kann. Man kann von einer außenstehenden Perspektive, wo man die gesamte Museumslandschaft im Blick hat, schon den Finger auf Probleme legen. Schwierig ist vor allem die historisch entstandene Konstruktion, die zu Stillstand bei den politisch Verantwortlichen geführt hat. Das erfordert, an Strukturen zu arbeiten, also „Museumsdiplomatie" zu betreiben. Wie können wir die Institution in eine gute Zukunft führen und in politischer und öffentlicher Hinsicht Druck erzeugen?
 
Was wären da Perspektiven?
Muchitsch: Ich bin noch immer überzeugt, dass das Konzept „Campus Alltagskultur" und auch der Achsenschluss mit dem Institut für Europäische Ethnologie schlüssig sind. Aber wir müssen aus einer Museumsperspektive zunächst das Volkskundemuseum per se im Blick haben: Was braucht es für eine zeitgemäße Dauerausstellung? Was braucht es an Infrastruktur? Was braucht es an Basissubvention und Budgetierung? Wir stehen vor zwei Herausforderungen: Zu einer einmaligen Investition kann man politische Verantwortungsträger leichter überzeugen. Schwieriger ist es, eine Erhöhung der langfristigen Mittel zu bekommen, um das Haus gut bespielen zu können.
 
Was sind Vor- und Nachteile eines Vereinsmuseums?
Muchitsch: Wie aktiv ist der Verein? Wie mächtig ist der Verein? Wie engagiert sind die Vereinsmitglieder? Vereine stehen und fallen mit den handelnden Personen und deren Engagement. Für eine jüngere Generation ist es nicht mehr so attraktiv, Mitglied in einem Verein zu werden. Wie stark ist der Verein aufgestellt und wie einflussreich ist er? Im Unterschied zu anderen Vereinsmuseen sitzen hier die Gebietskörperschaften nicht im Vorstand. Es geht darum, wen man zu Verbündeten machen kann. Man muss einen Vorstand sehr strategisch besetzen und sich überlegen, was eine Person an Netzwerk, an Einfluss, an Möglichkeiten einbringen kann. Das ist der Vorteil eines Vereinsmuseums.
 
Wir überlegen laufend, wie wir Menschen dazu animieren können, Teil des Vereins zu sein. Wir denken dabei an eine Gruppe, die sich einbringt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob das überhaupt ein Zukunftskonzept ist. Es könnte ja auch genügen, wenn der Verein bzw. der Vorstand rein formal bestünde. Unsere Community ist sehr stark, deckt sich jedoch kaum mit den Vereinsmitgliedern. Bräuchte es mehr Deckungsgleichheit?
Muchitsch: Für die Zukunftsperspektive ist das wichtig, aber dieses klassische Vereinsmodell ist immer schwieriger zu handhaben. Menschen möchten mobil sein, eher lose dabei sein, eine Community bilden und allenfalls temporär zusammenkommen. Die starke Bindung einer Mitgliedschaft wird oft als zu viel empfunden.
 
Was wäre Ihr Ruf an zukünftige Vereinsmitglieder?
Muchitsch: Es gilt zu fragen, wie man mit der bestehenden Community des Hauses in einen Dialog tritt und sie ermutigt, sich stärker einzubringen. Braucht es dazu tatsächlich noch eine formale Mitgliedschaft? Welche Stimme verleiht man dieser Community? Die Mitsprache ist ein großer Punkt: Auch ohne Vereinsfunktion kann ich das Haus mitgestalten. Man kann sich auch Vergleichsbeispiele anschauen. Was ist die Community des Volkskundemuseums? Der Bezirk?
 
Wäre ein Bundesmuseum positiv?
Muchitsch: Strukturell und vielleicht budgetär wäre es wahrscheinlich positiv. Ob es das wäre, was sich das Team im Haus vorstellt, ist eine andere Frage.
 
Wir hatten eine Ausstellung zu unserer ARGE Schneeball und der Freiwilligenarbeit im Museum. Dieses Modell spricht Menschen in ihrer nachberuflichen Lebensphase an und holt sie ins Museum. Das hat uns ein sehr lebendiges Freiwilligenwesen beschert.
Muchitsch: Aber es bräuchte auch eine junge Sektion. Quasi ums Eck gibt es das Institut für Europäische Ethnologie, das ist ein gewisses Potential. Das Institut ist im Vorstand vertreten. Ich glaube, das trägt schon dazu bei, dass man kooperiert und bei universitären und studentischen Projekten zusammenarbeitet. Könnte man das stärker nutzen?
 
Interview: Julia Schulte-Werning und Gesine Stern
Transkription: Johannes Aichinger
 
 
Wolfgang Muchitsch studierte Geschichte, Anglistik und Amerikanistik. Er ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Universalmuseums Joanneum in Graz, Präsident des Museumbundes Österreich sowie seit 2019 Präsident des Vereins für Volkskunde.
 
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