Volkskundemuseum Wien
Otto Wagner Areal, Pavillon 1
Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien
Geschlossen für Besucher:innen:
20.12.2025-11.1.2026
Ab 7.1.2026 sind wir wieder erreichbar.
Öffnungszeiten:
Di-Fr: 10-17 Uhr
Anfahrt
Postanschrift:
Laudongasse 15-19, 1080 Wien
T: +43 1 406 89 05
F: +43 1 406 89 05.88
E: office@volkskundemuseum.at
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Mostothek @ OWA
Mai-Sep: Dienstags, 17 Uhr
Was bedeutet „Clubkultur“ für dich – speziell im Kontext von Wien?
Ich verstehe Clubkultur grundsätzlich als ein soziales, kulturelles und wirtschaftliches Konstruktionsphänomen – in jedem Kontext.
Das musst du uns näher erläutern!
Clubkultur an sich zeichnet sich vor allem durch den Fokus auf Programm aus – sei es auditiv, visuell oder performativ. Im besten Fall ist es sogar eine Verschränkung verschiedener Kulturformen. Darüber hinaus kann man einen Club grundsätzlich als Nährboden für wirtschaftliche Aspekte im Bereich der Musikökonomie sehen. Egal, ob ein Club bzw. die dahinterstehenden Betreiber:innen auf einen finanziell unabhängigen Kulturanspruch setzen oder auf Gewinnmaximierung aus sind – der Ort ist immer auch Arbeitsplatz und Teil einer wirtschaftlich-materiellen und/oder wirtschaftlich-immateriellen Wertschöpfungskette.
Welche Rolle spielt die Clubkultur für das Nachtleben der Stadt?
Clubs geben Raum für Menschen, die im Alltag oft gar nicht die Orte haben oder finden, an denen sie sich zugehörig und wohlfühlen. In Clubs lassen sich „andere“ Formen des Seins, Handelns und Lebens erkunden. Das kann bewirken, dass dort die Freiheit entsteht, gesellschaftliche Verhaltensweisen zuzulassen, die sonst eher tabu wären, sich kaum ergeben oder ansonsten nur zufällig passieren. Der Club bietet also eine freiwillige, psychosoziale Alltagsflucht – und das sehe ich als essenzielles Angebot, das aus keiner Stadt wegzudenken ist.
Inwiefern ist das Angebot von Clubkultur wichtig für Urbanität, Stadtentwicklung und die Attraktivität einer Stadt?
Für viele Menschen ist ein lebendiges Nachtleben ein triftiger Grund, überhaupt erst in eine Stadt zu ziehen oder dort zu bleiben. Gleichzeitig gilt es, eine Balance zwischen den arbeitenden, den feiernden und den schlafenden Stadtbewohner:innen auszuhandeln.
Hier kommt dann eine Club Commission ins Spiel?
Ja genau. Allerdings hat nicht jede Stadt eine Organisation wie die Club Commission. Die VCC versucht tatkräftig, die jeweiligen Akteur:innen in ihrem täglichen Schaffen zu unterstützen. Speziell in Wien ist die Clubszene stärker vernetzt und im Austausch als in anderen Städten. Dadurch werden Wissen, Erfahrungen und Ressourcen schneller geteilt und die Szene kann insgesamt resilienter und gemeinschaftlicher agieren.
Wie würdest du das aktuelle Nachtleben in Wien beschreiben?
Es ist vielschichtig, lebendig und hat großes Potenzial. Wir haben eine Bandbreite an Clubs, Veranstaltungsreihen und kulturellen Experimenten – von etablierten Clubs über kleine Nischen-Venues bis hin zu temporären Pop-up-Projekten. Diese Vielfalt macht Wien spannend, weil für nahezu jedes Publikum und jeden Musikgeschmack etwas geboten wird. Gleichzeitig steht das Nachtleben in Wien vor Herausforderungen und ist unter den aktuellen Gegebenheiten nicht immer stabil. Darauf müssen wir sehr gut achten, um die Existenz der Szene langfristig zu sichern.
An welche Herausforderungen denkst du da?
Es gibt nach wie vor ein paar Nachwirkungen aus der Pandemie. Die Inflation trifft uns zwar alle, aber Clubs sind in ihrer Betriebsform stärker belastet. Besonders spürbar ist das bei den Clubs, in denen auch Konzerte stattfinden – was für fast jeden Club in Wien gilt. Was wir gerade sehr deutlich merken, ist die Entwicklung dieser großen Superstar-Konzerte. Wenn ich mir für ein Ticket in einer Arena erst einmal etwas zusammensparen muss, weil so ein Konzert inzwischen weit über 50 Euro kostet, dann bleibt mir für kleinere, reguläre Konzertbesuche unter dem Jahr einfach weniger übrig.
Heißt das, die Leute können sich den Clubbesuch schlichtweg nicht mehr leisten?
Wir beobachten jedenfalls, dass sich das Konsumverhalten des Publikums verändert hat – konkret ist der Pro-Kopf-Umsatz gesunken. Für Clubs, deren Haupteinnahmequelle die Barumsätze sind, ist das problematisch. Da Betreiber:innen im Grunde nur an der Preisschraube drehen können, führt das wiederum zu höheren Mietkosten für Veranstalter:innen, die einen Abend gestalten wollen. Diese Kosten werden schließlich durch höhere Eintrittspreise kompensiert. Letztendlich hat das zur Folge, dass ein Clubbesuch für viele gesellschaftliche Schichten finanziell nicht mehr inklusiv ist und damit besteht das Risiko, dass das Clubprogramm immer kommerzieller wird und der soziale und kulturelle Anspruch in den Hintergrund rückt. Zusammengefasst kann man sagen, es gab schon bessere Zeiten für Clubs, für Veranstalter:innen und auch fürs Publikum.
Wie steht es um die Verfügbarkeit von geeigneten Räumen für nicht-kommerzielle Clubevents?
Es gibt diese Räume, aber nur in überschaubarer Anzahl. Für Locations bis zu 150 Besucher:innen ist es jedenfalls einfacher, etwas Passendes zu finden, als darüber hinaus. Einen wichtigen Service bietet hier die von der Stadt finanzierte Organisation Kreative Räume. Sie vermittelt leerstehende Gebäude für Zwischennutzungen und zur Leerstandsaktivierung. Dabei sind bereits sehr tolle Kultur-, Konzert- und mitunter auch Clubräume entstanden.
Und im Außenraum?
Als Club Commission haben wir es geschafft, in den letzten drei Jahren mit dem Projekt Free Spaces einen Ort im öffentlichen Raum für legale und nicht-kommerzielle Raves zu definieren. 2025 wurden sechs solcher Veranstaltungen auf der Donauinsel – durch die finanzielle Unterstützung der Stadt Wien – von verschiedenen Veranstaltungskollektiven umgesetzt. Das hat auch einen positiven Effekt für die Clubs: Vor allem jüngere Veranstalter:innen können sich in diesem Rahmen risikofrei in der Veranstaltungsproduktion ausprobieren und ihre Communities aufbauen, um dann später ein Stück professionalisierter in den Clubbetrieb weiterzuziehen.
Gibt es erfolgreiche Modelle oder Initiativen zur Zwischennutzung von Leerständen oder temporären Räumen für Events oder Clubs?
Ich denke dabei an Orte wie das Schloss Cobenzl, das F23, die Semmelweisklinik, den 4lthangrund oder das Kollektiv Kaorle am Otto Wagner Areal. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, das Konzept der Zwischennutzung bei solchen Standorten weiterzuentwickeln und zu prüfen, wie diese besonderen Orte langfristiger für (Club-)Kultur geöffnet bleiben können.
Das sind alles geschichtsträchtige Orte in Wien …
Ja, und gerade wenn sie für (Club-)Kultur genutzt werden, verleihen sie der Stadt einen ganz eigenen Charme. Der unkonventionelle Charakter dieser Orte passt einfach sehr gut zu Clubkultur – weil eben nicht alles komplett durchrenoviert oder austauschbar gestaltet ist, sondern etwas Eigenes, Unverwechselbares bleibt, das so in keiner anderen Stadt zu finden ist.
Wie kann eine Balance gefunden werden zwischen Nachtleben-Interessen und Anrainer:innen-Anliegen?
Ein gutes Beispiel ist da die Arena in Wien – einer der geschichtsträchtigsten Kultur-, Konzert- und Cluborte Wiens, die seit über 45 Jahren besteht. Als plötzlich Wohnungen neben der Arena gebaut wurden, haben wir ein Podiumsgespräch organisiert, um auf die unerwartet auftretenden Lärmbeschwerden aufmerksam zu machen. Dabei haben wir die daraus entstehende Schieflage sowie mögliche Lösungsansätze gegenüber Politik und Verwaltung aufgezeigt. Das Ergebnis war sehr positiv: Die Stadt Wien hat eine neue Soundanlage für die Arena finanziert und im Veranstaltungsgesetz wurde ein Bestandsschutz verankert, inklusive der Möglichkeit, den bisherigen Schallpegel auch dann beizubehalten, wenn später Wohngebäude hinzukommen und dadurch potenziell Beschwerden entstehen könnten.
Wenn die Stadt gezielt Räume bereitstellt — was bedeutet das für die Freiheit und Substanz der Szene?
Schwierige Frage, weil es dazu in der Szene sehr ambivalente Meinungen gibt. Einerseits muss Clubkultur anerkannt und wertgeschätzt werden – sie sollte als Bereich gesehen werden, in den es sich für die Stadt lohnt, finanziell zu investieren und zu fördern. Gleichzeitig sehe ich es kritisch, wenn ein Venue oder eine Veranstaltung ausschließlich aus öffentlichen Mitteln finanziert wird. Der Grund dafür ist einfach: Kultur sollte politisch und so gut wie möglich finanziell unabhängig bleiben. Wenn diese Unabhängigkeit nicht gewährleistet ist, kann Clubkultur ihre Rolle als reflektiertes und kritisches Medium nur eingeschränkt wahrnehmen.
Gilt das auch für Regulierungen?
Clubkultur lebt davon, dass sie unkonventionell ist, dass sie experimentiert, dass sie sich Räume aneignet und Atmosphären schafft, die nicht vollständig vorstrukturiert oder durchreguliert sind. Entscheidend ist dabei, wie die Stadt reguliert – sei es bei bereitgestellten Räumen oder bei bestehenden Räumen in der Privatwirtschaft. Die Herausforderung besteht immer darin, eine Ordnung zu schaffen, die das Wesentliche der Clubkultur nicht einschränkt.
Wie sind die Themen Gender, Diversität und Zugänglichkeit in der Wiener Clubkultur derzeit präsent?
Die meisten Clubs in Wien werden von Männern geführt. Das liegt unter anderem an früheren gesetzlichen Regelungen, wie dem Nachtarbeitsverbot für Frauen, das in Österreich erst 2001 vollständig aufgehoben wurde.
Bei den Line-ups erhalten wir aktuell wieder häufiger Rückmeldungen aus der Szene, dass zu wenig auf Diversität geachtet wird. Gleichzeitig merken wir, dass es im Vergleich zu früher mehr Veranstaltungsreihen gibt, die FLINTA*- oder BIPoC-centered sind. Wo sich das Publikum wohlfühlt, hängt dabei oft weniger vom Club selbst ab, sondern von der jeweiligen Veranstaltungsreihe, die bestimmte Werte nicht nur nach außen kommuniziert, sondern auch aktiv in der Gestaltung umsetzt. Als Club Commission versuchen wir, hier unterstützend zu wirken – etwa durch Praxistipps (zuletzt: Veranstaltungstechnik für FLINTA*) oder Podiumsgespräche (zuletzt: Visions of Black Club Culture – Past, Present, and Future) – zwei der bestbesuchten VCC Veranstaltungen 2025.
Wie steht es um das Thema Sicherheit?
Damit beschäftigen wir uns seit Beginn unserer Existenz. Angefangen von einer Umfrage zum Thema Sicherheit im Wiener Nachtleben bis hin zur Konzipierung unserer Workshopreihe Safer Feiern, an der mittlerweile 180 Personen aus der Wiener Club- und Veranstaltungsszene teilgenommen haben bzw. aktuell teilnehmen.
Darüber hinaus hat sich strukturell etwas getan: In Veranstaltungsorten ab 300 Besucher:innen muss ab 2026 ein Awareness-Konzept vorgelegt werden, und je nach Größe der Veranstaltung sind gestaffelt Awareness-Beauftragte zu bestellen.
Die Clubkultur hat es inzwischen ins städtische und in das nationale Regierungsprogramm geschafft – warum gerade jetzt?
Meine Einschätzung dazu ist sicher etwas befangen! Die Vienna Club Commission selbst ist eine von der Stadt Wien beauftragte und finanzierte Marke unter dem eigenständig agierenden Verein für die Zukunft des Nachtlebens in Wien (klingt sperrig, der Name ist aber Programm).
Wir werden von drei Geschäftsgruppen der Stadt Wien – Jugend, Kultur und Finanzen – finanziert und müssen alle drei Monate ein Reporting an die städtischen Vertreter:innen abgeben. Gleichzeitig verschafft uns die Tatsache, dass wir nicht direkt in die Stadt eingegliedert sind, einen vertrauten Austausch mit der Club- und Veranstaltungsszene.
Wir agieren also nicht als Interessenvertretung für eine bestimmte Bezugsgruppe, sondern als Advocacy für das Thema Clubkultur allgemein, unter Berücksichtigung aller damit verbundenen Perspektiven. Unsere Aufgabe als VCC ist es, der Politik Lösungsansätze zu liefern, um eben die Zukunft des Wiener Nachtlebens mit Fokus auf Clubkultur zu schützen, zu fördern und weiterzuentwickeln. Das Resultat davon ist, dass es die ein oder andere Idee in die jeweiligen Regierungsprogramme geschafft hat.
Wie ordnest du die Clubkultur im Verhältnis zu anderen darstellenden oder performativen Künsten ein (z. B. Theater, Tanz, Konzertbetrieb)?
Während Theater, Tanz oder Konzertbetrieb in der Regel eine klare Trennung zwischen Bühne und Publikum voraussetzen und das künstlerische Werk primär als Ausdruck einer einzelnen schöpferischen Person oder eines Ensembles verstanden wird, verschiebt Clubkultur genau dieses Verhältnis. Die „Aufführung“ im Club ist nie nur eine Aufführung, sondern immer ein gemeinschaftlich hervorgebrachter Prozess. Das „Werk“ entsteht kollaborativ, im Zusammenspiel von DJ, sonstigen Performer:innen, Raum, Sound, Licht, sozialer Dynamik – also vor allem den Menschen, die physisch teilnehmen und interagieren. Als Besucherin bin ich nicht nur Rezipientin, sondern konstitutiver Teil des Geschehens und gestalte den Abend mit meiner Energie mit – und erst durch diese aktive Teilnahme wird das Werk vollständig.
Damit bewegt sich Clubkultur näher an prozessualen, partizipativen und situativen Kunstformen als an traditionellen Bühnenkünsten. Und genau darin liegt ihre Einzigartigkeit.
Unser Aufenthalt am Otto Wagner Areal gibt uns die Möglichkeit, Raum für clubkulturelle Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen. Wir sind da in guter Zusammenarbeit mit verschiedenen Kollektiven aus der Szene. Darüber hinaus interessieren wir uns als Museum für populäre Musik, für Volksmusik genauso wie für Clubkultur. Es gibt internationale Beispiele von Ausstellungen zur Clubkultur. Lässt sich Clubkultur überhaupt musealisieren?
Ja – und ich finde das auch unglaublich wichtig. Großartige Ausstellungsformate, die ich in diesem Kontext selbst besucht habe, waren zum Beispiel The Fest im MAK, kuratiert von Brigitte Felderer, oder TECHNO im Landesmuseum Zürich. Ein für mich lustiger Zufall war dort übrigens, dass DJ Dr. Motte die Ausstellung zur gleichen Zeit besucht hat wie ich. Besonders begeistert bin ich vom Kurator Bogomir Doringer, der es aktuell wie kaum jemand sonst schafft, den politischen Aspekt von Clubkultur in museale Kontexte zu bringen. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn ein Wiener Clubkultur Archiv entstehen würde!
Wie sollte Wien in Zukunft mit Clubkultur umgehen?
Ich denke, es ist sehr sinnvoll, die Vernetzung zwischen Stadt und Szene weiter zu fördern. Initiativen wie die Vienna Club Commission zeigen, dass strukturierte Schnittstellen zwischen Politik, Verwaltung sowie der Club- und Veranstaltungsszene sehr gut funktionieren können, um politische Veränderungsprozesse in diesem Bereich voranzubringen und direkt wie indirekt auf die Bedürfnisse der Clubbetreiber:innen und Veranstalter:innen dieser Stadt einzugehen.
Ich freue mich, dass Projekte wie die Safer Feiern Workshopreihe, Free Spaces, ICCM – ein Projekt, das den internationalen Austausch zwischen den Szenen fördert – oder die Vienna After Dark Konferenz bereits umgesetzt wurden. Gleichzeitig freue ich mich aber auch darauf, wenn wir an den Punkt kommen, die geplanten Vorhaben der aktuellen Regierungsprogramme – wie den Schallschutzfonds oder den Preis für Clubkultur – umzusetzen.
Welches ist Euer nächstes Projekt?
Wir arbeiten aktuell an einem freiwilligen, selbst verpflichteten Solidaritätsfonds –
von der Branche, für die Branche. Konkret heißt das: Bilderbuch hat nicht von Anfang an eine Stadthalle ausverkauft. Wenn Taylor Swift in Wien (tatsächlich) spielt, müssen wir uns die Frage stellen, inwiefern die lokale Szene davon profitiert. Ziel ist es also, ein System zu schaffen, um die Basis des lokalen Musikökosystems langfristig zu sichern, da die nachhaltige Bespielung großer Arenen nur auf einem starken Fundament kleinerer Venues und Szenen aufbauen kann.
Die Fragen stellten Johanna Amlinger und Gesine Stern.
Kurzbio:
2017 startete Martina Brunner die Initiative Nachtbürgermeister Wien mit dem Ziel, das Bewusstsein für die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Relevanz des Nachtlebens und der Clubkultur zu stärken. Ab 2020 war sie Teil des Teams für die Organisationsentwicklung des Pilotprojekts Vienna Club Commission, das von der Stadt Wien gefördert wurde. Seit 2022 ist sie Geschäftsführerin mit Fokus auf die inhaltliche Leitung der VCC.
Vienna Club Commission:
Die Vienna Club Commission ist deine kostenlose Servicestelle für alle Anliegen im Wiener Club- und Veranstaltungsbereich. Als von der Stadt Wien beauftragte Organisation hat die VCC die Aufgabe, die lokale Clubkultur zu vertreten, ihren Schutz sicherzustellen und sie zu fördern. Mehr dazu HIER.
Ich verstehe Clubkultur grundsätzlich als ein soziales, kulturelles und wirtschaftliches Konstruktionsphänomen – in jedem Kontext.
Das musst du uns näher erläutern!
Clubkultur an sich zeichnet sich vor allem durch den Fokus auf Programm aus – sei es auditiv, visuell oder performativ. Im besten Fall ist es sogar eine Verschränkung verschiedener Kulturformen. Darüber hinaus kann man einen Club grundsätzlich als Nährboden für wirtschaftliche Aspekte im Bereich der Musikökonomie sehen. Egal, ob ein Club bzw. die dahinterstehenden Betreiber:innen auf einen finanziell unabhängigen Kulturanspruch setzen oder auf Gewinnmaximierung aus sind – der Ort ist immer auch Arbeitsplatz und Teil einer wirtschaftlich-materiellen und/oder wirtschaftlich-immateriellen Wertschöpfungskette.
Welche Rolle spielt die Clubkultur für das Nachtleben der Stadt?
Clubs geben Raum für Menschen, die im Alltag oft gar nicht die Orte haben oder finden, an denen sie sich zugehörig und wohlfühlen. In Clubs lassen sich „andere“ Formen des Seins, Handelns und Lebens erkunden. Das kann bewirken, dass dort die Freiheit entsteht, gesellschaftliche Verhaltensweisen zuzulassen, die sonst eher tabu wären, sich kaum ergeben oder ansonsten nur zufällig passieren. Der Club bietet also eine freiwillige, psychosoziale Alltagsflucht – und das sehe ich als essenzielles Angebot, das aus keiner Stadt wegzudenken ist.
Inwiefern ist das Angebot von Clubkultur wichtig für Urbanität, Stadtentwicklung und die Attraktivität einer Stadt?
Für viele Menschen ist ein lebendiges Nachtleben ein triftiger Grund, überhaupt erst in eine Stadt zu ziehen oder dort zu bleiben. Gleichzeitig gilt es, eine Balance zwischen den arbeitenden, den feiernden und den schlafenden Stadtbewohner:innen auszuhandeln.
Hier kommt dann eine Club Commission ins Spiel?
Ja genau. Allerdings hat nicht jede Stadt eine Organisation wie die Club Commission. Die VCC versucht tatkräftig, die jeweiligen Akteur:innen in ihrem täglichen Schaffen zu unterstützen. Speziell in Wien ist die Clubszene stärker vernetzt und im Austausch als in anderen Städten. Dadurch werden Wissen, Erfahrungen und Ressourcen schneller geteilt und die Szene kann insgesamt resilienter und gemeinschaftlicher agieren.
Wie würdest du das aktuelle Nachtleben in Wien beschreiben?
Es ist vielschichtig, lebendig und hat großes Potenzial. Wir haben eine Bandbreite an Clubs, Veranstaltungsreihen und kulturellen Experimenten – von etablierten Clubs über kleine Nischen-Venues bis hin zu temporären Pop-up-Projekten. Diese Vielfalt macht Wien spannend, weil für nahezu jedes Publikum und jeden Musikgeschmack etwas geboten wird. Gleichzeitig steht das Nachtleben in Wien vor Herausforderungen und ist unter den aktuellen Gegebenheiten nicht immer stabil. Darauf müssen wir sehr gut achten, um die Existenz der Szene langfristig zu sichern.
An welche Herausforderungen denkst du da?
Es gibt nach wie vor ein paar Nachwirkungen aus der Pandemie. Die Inflation trifft uns zwar alle, aber Clubs sind in ihrer Betriebsform stärker belastet. Besonders spürbar ist das bei den Clubs, in denen auch Konzerte stattfinden – was für fast jeden Club in Wien gilt. Was wir gerade sehr deutlich merken, ist die Entwicklung dieser großen Superstar-Konzerte. Wenn ich mir für ein Ticket in einer Arena erst einmal etwas zusammensparen muss, weil so ein Konzert inzwischen weit über 50 Euro kostet, dann bleibt mir für kleinere, reguläre Konzertbesuche unter dem Jahr einfach weniger übrig.
Heißt das, die Leute können sich den Clubbesuch schlichtweg nicht mehr leisten?
Wir beobachten jedenfalls, dass sich das Konsumverhalten des Publikums verändert hat – konkret ist der Pro-Kopf-Umsatz gesunken. Für Clubs, deren Haupteinnahmequelle die Barumsätze sind, ist das problematisch. Da Betreiber:innen im Grunde nur an der Preisschraube drehen können, führt das wiederum zu höheren Mietkosten für Veranstalter:innen, die einen Abend gestalten wollen. Diese Kosten werden schließlich durch höhere Eintrittspreise kompensiert. Letztendlich hat das zur Folge, dass ein Clubbesuch für viele gesellschaftliche Schichten finanziell nicht mehr inklusiv ist und damit besteht das Risiko, dass das Clubprogramm immer kommerzieller wird und der soziale und kulturelle Anspruch in den Hintergrund rückt. Zusammengefasst kann man sagen, es gab schon bessere Zeiten für Clubs, für Veranstalter:innen und auch fürs Publikum.
Wie steht es um die Verfügbarkeit von geeigneten Räumen für nicht-kommerzielle Clubevents?
Es gibt diese Räume, aber nur in überschaubarer Anzahl. Für Locations bis zu 150 Besucher:innen ist es jedenfalls einfacher, etwas Passendes zu finden, als darüber hinaus. Einen wichtigen Service bietet hier die von der Stadt finanzierte Organisation Kreative Räume. Sie vermittelt leerstehende Gebäude für Zwischennutzungen und zur Leerstandsaktivierung. Dabei sind bereits sehr tolle Kultur-, Konzert- und mitunter auch Clubräume entstanden.
Und im Außenraum?
Als Club Commission haben wir es geschafft, in den letzten drei Jahren mit dem Projekt Free Spaces einen Ort im öffentlichen Raum für legale und nicht-kommerzielle Raves zu definieren. 2025 wurden sechs solcher Veranstaltungen auf der Donauinsel – durch die finanzielle Unterstützung der Stadt Wien – von verschiedenen Veranstaltungskollektiven umgesetzt. Das hat auch einen positiven Effekt für die Clubs: Vor allem jüngere Veranstalter:innen können sich in diesem Rahmen risikofrei in der Veranstaltungsproduktion ausprobieren und ihre Communities aufbauen, um dann später ein Stück professionalisierter in den Clubbetrieb weiterzuziehen.
Gibt es erfolgreiche Modelle oder Initiativen zur Zwischennutzung von Leerständen oder temporären Räumen für Events oder Clubs?
Ich denke dabei an Orte wie das Schloss Cobenzl, das F23, die Semmelweisklinik, den 4lthangrund oder das Kollektiv Kaorle am Otto Wagner Areal. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, das Konzept der Zwischennutzung bei solchen Standorten weiterzuentwickeln und zu prüfen, wie diese besonderen Orte langfristiger für (Club-)Kultur geöffnet bleiben können.
Das sind alles geschichtsträchtige Orte in Wien …
Ja, und gerade wenn sie für (Club-)Kultur genutzt werden, verleihen sie der Stadt einen ganz eigenen Charme. Der unkonventionelle Charakter dieser Orte passt einfach sehr gut zu Clubkultur – weil eben nicht alles komplett durchrenoviert oder austauschbar gestaltet ist, sondern etwas Eigenes, Unverwechselbares bleibt, das so in keiner anderen Stadt zu finden ist.
Wie kann eine Balance gefunden werden zwischen Nachtleben-Interessen und Anrainer:innen-Anliegen?
Ein gutes Beispiel ist da die Arena in Wien – einer der geschichtsträchtigsten Kultur-, Konzert- und Cluborte Wiens, die seit über 45 Jahren besteht. Als plötzlich Wohnungen neben der Arena gebaut wurden, haben wir ein Podiumsgespräch organisiert, um auf die unerwartet auftretenden Lärmbeschwerden aufmerksam zu machen. Dabei haben wir die daraus entstehende Schieflage sowie mögliche Lösungsansätze gegenüber Politik und Verwaltung aufgezeigt. Das Ergebnis war sehr positiv: Die Stadt Wien hat eine neue Soundanlage für die Arena finanziert und im Veranstaltungsgesetz wurde ein Bestandsschutz verankert, inklusive der Möglichkeit, den bisherigen Schallpegel auch dann beizubehalten, wenn später Wohngebäude hinzukommen und dadurch potenziell Beschwerden entstehen könnten.
Wenn die Stadt gezielt Räume bereitstellt — was bedeutet das für die Freiheit und Substanz der Szene?
Schwierige Frage, weil es dazu in der Szene sehr ambivalente Meinungen gibt. Einerseits muss Clubkultur anerkannt und wertgeschätzt werden – sie sollte als Bereich gesehen werden, in den es sich für die Stadt lohnt, finanziell zu investieren und zu fördern. Gleichzeitig sehe ich es kritisch, wenn ein Venue oder eine Veranstaltung ausschließlich aus öffentlichen Mitteln finanziert wird. Der Grund dafür ist einfach: Kultur sollte politisch und so gut wie möglich finanziell unabhängig bleiben. Wenn diese Unabhängigkeit nicht gewährleistet ist, kann Clubkultur ihre Rolle als reflektiertes und kritisches Medium nur eingeschränkt wahrnehmen.
Gilt das auch für Regulierungen?
Clubkultur lebt davon, dass sie unkonventionell ist, dass sie experimentiert, dass sie sich Räume aneignet und Atmosphären schafft, die nicht vollständig vorstrukturiert oder durchreguliert sind. Entscheidend ist dabei, wie die Stadt reguliert – sei es bei bereitgestellten Räumen oder bei bestehenden Räumen in der Privatwirtschaft. Die Herausforderung besteht immer darin, eine Ordnung zu schaffen, die das Wesentliche der Clubkultur nicht einschränkt.
Wie sind die Themen Gender, Diversität und Zugänglichkeit in der Wiener Clubkultur derzeit präsent?
Die meisten Clubs in Wien werden von Männern geführt. Das liegt unter anderem an früheren gesetzlichen Regelungen, wie dem Nachtarbeitsverbot für Frauen, das in Österreich erst 2001 vollständig aufgehoben wurde.
Bei den Line-ups erhalten wir aktuell wieder häufiger Rückmeldungen aus der Szene, dass zu wenig auf Diversität geachtet wird. Gleichzeitig merken wir, dass es im Vergleich zu früher mehr Veranstaltungsreihen gibt, die FLINTA*- oder BIPoC-centered sind. Wo sich das Publikum wohlfühlt, hängt dabei oft weniger vom Club selbst ab, sondern von der jeweiligen Veranstaltungsreihe, die bestimmte Werte nicht nur nach außen kommuniziert, sondern auch aktiv in der Gestaltung umsetzt. Als Club Commission versuchen wir, hier unterstützend zu wirken – etwa durch Praxistipps (zuletzt: Veranstaltungstechnik für FLINTA*) oder Podiumsgespräche (zuletzt: Visions of Black Club Culture – Past, Present, and Future) – zwei der bestbesuchten VCC Veranstaltungen 2025.
Wie steht es um das Thema Sicherheit?
Damit beschäftigen wir uns seit Beginn unserer Existenz. Angefangen von einer Umfrage zum Thema Sicherheit im Wiener Nachtleben bis hin zur Konzipierung unserer Workshopreihe Safer Feiern, an der mittlerweile 180 Personen aus der Wiener Club- und Veranstaltungsszene teilgenommen haben bzw. aktuell teilnehmen.
Darüber hinaus hat sich strukturell etwas getan: In Veranstaltungsorten ab 300 Besucher:innen muss ab 2026 ein Awareness-Konzept vorgelegt werden, und je nach Größe der Veranstaltung sind gestaffelt Awareness-Beauftragte zu bestellen.
Die Clubkultur hat es inzwischen ins städtische und in das nationale Regierungsprogramm geschafft – warum gerade jetzt?
Meine Einschätzung dazu ist sicher etwas befangen! Die Vienna Club Commission selbst ist eine von der Stadt Wien beauftragte und finanzierte Marke unter dem eigenständig agierenden Verein für die Zukunft des Nachtlebens in Wien (klingt sperrig, der Name ist aber Programm).
Wir werden von drei Geschäftsgruppen der Stadt Wien – Jugend, Kultur und Finanzen – finanziert und müssen alle drei Monate ein Reporting an die städtischen Vertreter:innen abgeben. Gleichzeitig verschafft uns die Tatsache, dass wir nicht direkt in die Stadt eingegliedert sind, einen vertrauten Austausch mit der Club- und Veranstaltungsszene.
Wir agieren also nicht als Interessenvertretung für eine bestimmte Bezugsgruppe, sondern als Advocacy für das Thema Clubkultur allgemein, unter Berücksichtigung aller damit verbundenen Perspektiven. Unsere Aufgabe als VCC ist es, der Politik Lösungsansätze zu liefern, um eben die Zukunft des Wiener Nachtlebens mit Fokus auf Clubkultur zu schützen, zu fördern und weiterzuentwickeln. Das Resultat davon ist, dass es die ein oder andere Idee in die jeweiligen Regierungsprogramme geschafft hat.
Wie ordnest du die Clubkultur im Verhältnis zu anderen darstellenden oder performativen Künsten ein (z. B. Theater, Tanz, Konzertbetrieb)?
Während Theater, Tanz oder Konzertbetrieb in der Regel eine klare Trennung zwischen Bühne und Publikum voraussetzen und das künstlerische Werk primär als Ausdruck einer einzelnen schöpferischen Person oder eines Ensembles verstanden wird, verschiebt Clubkultur genau dieses Verhältnis. Die „Aufführung“ im Club ist nie nur eine Aufführung, sondern immer ein gemeinschaftlich hervorgebrachter Prozess. Das „Werk“ entsteht kollaborativ, im Zusammenspiel von DJ, sonstigen Performer:innen, Raum, Sound, Licht, sozialer Dynamik – also vor allem den Menschen, die physisch teilnehmen und interagieren. Als Besucherin bin ich nicht nur Rezipientin, sondern konstitutiver Teil des Geschehens und gestalte den Abend mit meiner Energie mit – und erst durch diese aktive Teilnahme wird das Werk vollständig.
Damit bewegt sich Clubkultur näher an prozessualen, partizipativen und situativen Kunstformen als an traditionellen Bühnenkünsten. Und genau darin liegt ihre Einzigartigkeit.
Unser Aufenthalt am Otto Wagner Areal gibt uns die Möglichkeit, Raum für clubkulturelle Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen. Wir sind da in guter Zusammenarbeit mit verschiedenen Kollektiven aus der Szene. Darüber hinaus interessieren wir uns als Museum für populäre Musik, für Volksmusik genauso wie für Clubkultur. Es gibt internationale Beispiele von Ausstellungen zur Clubkultur. Lässt sich Clubkultur überhaupt musealisieren?
Ja – und ich finde das auch unglaublich wichtig. Großartige Ausstellungsformate, die ich in diesem Kontext selbst besucht habe, waren zum Beispiel The Fest im MAK, kuratiert von Brigitte Felderer, oder TECHNO im Landesmuseum Zürich. Ein für mich lustiger Zufall war dort übrigens, dass DJ Dr. Motte die Ausstellung zur gleichen Zeit besucht hat wie ich. Besonders begeistert bin ich vom Kurator Bogomir Doringer, der es aktuell wie kaum jemand sonst schafft, den politischen Aspekt von Clubkultur in museale Kontexte zu bringen. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn ein Wiener Clubkultur Archiv entstehen würde!
Wie sollte Wien in Zukunft mit Clubkultur umgehen?
Ich denke, es ist sehr sinnvoll, die Vernetzung zwischen Stadt und Szene weiter zu fördern. Initiativen wie die Vienna Club Commission zeigen, dass strukturierte Schnittstellen zwischen Politik, Verwaltung sowie der Club- und Veranstaltungsszene sehr gut funktionieren können, um politische Veränderungsprozesse in diesem Bereich voranzubringen und direkt wie indirekt auf die Bedürfnisse der Clubbetreiber:innen und Veranstalter:innen dieser Stadt einzugehen.
Ich freue mich, dass Projekte wie die Safer Feiern Workshopreihe, Free Spaces, ICCM – ein Projekt, das den internationalen Austausch zwischen den Szenen fördert – oder die Vienna After Dark Konferenz bereits umgesetzt wurden. Gleichzeitig freue ich mich aber auch darauf, wenn wir an den Punkt kommen, die geplanten Vorhaben der aktuellen Regierungsprogramme – wie den Schallschutzfonds oder den Preis für Clubkultur – umzusetzen.
Welches ist Euer nächstes Projekt?
Wir arbeiten aktuell an einem freiwilligen, selbst verpflichteten Solidaritätsfonds –
von der Branche, für die Branche. Konkret heißt das: Bilderbuch hat nicht von Anfang an eine Stadthalle ausverkauft. Wenn Taylor Swift in Wien (tatsächlich) spielt, müssen wir uns die Frage stellen, inwiefern die lokale Szene davon profitiert. Ziel ist es also, ein System zu schaffen, um die Basis des lokalen Musikökosystems langfristig zu sichern, da die nachhaltige Bespielung großer Arenen nur auf einem starken Fundament kleinerer Venues und Szenen aufbauen kann.
Die Fragen stellten Johanna Amlinger und Gesine Stern.
Kurzbio:
2017 startete Martina Brunner die Initiative Nachtbürgermeister Wien mit dem Ziel, das Bewusstsein für die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Relevanz des Nachtlebens und der Clubkultur zu stärken. Ab 2020 war sie Teil des Teams für die Organisationsentwicklung des Pilotprojekts Vienna Club Commission, das von der Stadt Wien gefördert wurde. Seit 2022 ist sie Geschäftsführerin mit Fokus auf die inhaltliche Leitung der VCC.
Vienna Club Commission:
Die Vienna Club Commission ist deine kostenlose Servicestelle für alle Anliegen im Wiener Club- und Veranstaltungsbereich. Als von der Stadt Wien beauftragte Organisation hat die VCC die Aufgabe, die lokale Clubkultur zu vertreten, ihren Schutz sicherzustellen und sie zu fördern. Mehr dazu HIER.



